Berlin : Hoffnung auch in hoffnungslosen Fällen

Die Fahnder geben nie auf: Was mit neuer Technik möglich ist, zeigen zwei aufgeklärte Morde aus den 80er Jahren

Werner Schmidt

Späte Gerechtigkeit – kein Verbrecher darf sich sicher fühlen: Mit Hilfe der modernen Technik können jetzt sogar Spuren gesichert werden, von denen die Kriminalisten noch Mitte der 80er Jahre nicht einmal ahnten, dass sie vorhanden sind – die so genannten latenten Spuren. Die besten Beispiele für den erfolgreichen Einsatz technischer Untersuchungsmethoden sind die beiden in den letzten Tagen geklärten Morde in Brandenburg. Aber ohne die DNA-Datenbank des Bundeskriminalamtes (BKA) hätte es diese Erfolge nicht gegeben, denn dort lagerten bereits die genetischen Fingerabdrücke der beiden Täter. Einer tötete, wie berichtet, vor 17 Jahren in Großbeuthen (Kreis Teltow-Fläming) einen 17-jährigen Jungen, der andere Täter wurde des Mordes an der 13 Jahre alten Maja Steiner überführt. Sie war 1988 ermordet worden. Beide Täter saßen bereits wegen anderer Sexualtaten im Gefängnis – sie wurden aufgrund von Spermaspuren an der Kleidung ihrer Opfer überführt.

In den Asservatenkammern der Polizei in Berlin und Brandenburg liegen die stummen Zeugen zahlreicher Gewaltverbrechen: Kleidungsstücke, Zigarettenkippen, Haare, Fasern. Da machte auch die Kripo in der DDR keine Ausnahme: „Alles, was man an Spuren sichern konnte, wurde asserviert“, sagte eine frühere DDR-Kriminalistin. Ihrer Auffassung nach habe die Kripo damals sogar „akribischer mit der Kriminaltechnik gearbeitet als das heute der Fall ist“.

Immer wieder werden in Berlin und Brandenburg die Akten der „ungeklärten Altfälle“ aus den Archiven geholt und überprüft. Die Entwicklung der Technik spielt dabei die entscheidende Rolle: „ Früher brauchte man einen Blutstropfen, um die Blutgruppe zu untersuchen, heute genügen geringste Spuren“, sagte der Leiter der Berliner Mordkommission, André Rauhut. Ähnlich verhält es sich mit der DNA-Analyse. Hautschuppen, eingetrocknete Speichelreste an einem Glas oder ein abgebrochenes Haar genügen, um den genetischen Fingerabdruck eines Menschen sicherzustellen. Gleichgültig , wie alt das Material ist. Die Berliner Polizei prüft ihre ungeklärten Fälle daher immer dann, wenn neue oder verfeinerte Analyseverfahren entwickelt worden sind. Manchmal auch vergeblich, wie bei jenem Fall aus dem Jahr 1961.

Damals war in Neukölln eine Frau ermordet, der Täter aber nie ermittelt worden. Auch neue Untersuchungen der Kleidung der Frau ergaben keine brauchbaren DNA-Spuren. Erfolgreicher waren die Fahnder bei einem Doppelmord in Weißensee: Eine Haar überführte den heute 33 Jahre alten Oliver A. Er tötet im August 2002 ein Ehepaar. A. war in der Gendatei des BKA gespeichert worden, nach dem er 1995 im Vollrausch einen Mann getötet hatte. Auch im Fall Jessica Kopsch versuchen die Ermittler immer wieder, über DNA-Analysen weiter zu kommen. Die Elfjährige war im Oktober 1998 in Reinickendorf verschwunden. Die unbekleidet Leiche wurde vier Monate später in Sachsen-Anhalt gefunden.

Die Wahrscheinlichkeit, Sexualtäter zu überführen, sei besonders groß, sagte Rauhut. Deren DNA wird ohnehin vom BKA gespeichert – und je mehr Vergleichsdaten vorhanden sind, desto größer ist die Chance, einen Täter zu identifizieren. Über 300000 genetische Fingerabdrücke sind derzeit dort gespeichert. Um die DNA-Spuren des Opfers von denen des Täters zu unterscheiden, sammeln die Kriminalisten noch immer Vergleichsspuren. Über Speichelproben der Eltern oder Geschwister kann zweifelsfrei festgestellt werden, welche Spuren nicht vom Opfer stammen. Die Kriminalisten in Brandenburg sind derzeit mehreren Dutzend weiteren ungeklärten Verbrechen auf der Spur. Und auch ihre Berliner Kollegen hoffen, bald weitere Erfolge melden zu können.

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