Berlin : Hohe Haftstrafen für brutalen Überfall

Zwei Männer hatten eine 86-Jährige in einer Seniorenresidenz ausgeraubt

Kerstin Gehrke

Der Mantel machte die Täter gierig. Sven L. und Stefan E. folgten der 86-jährigen Dame im Nerz bis zu ihrer Wohnung in einer Seniorenresidenz am Kurfürstendamm. Als Viktoria H. (Name geändert) die Tür aufschloss, wurde sie zu Boden gestoßen, gefesselt, ausgeraubt. Nur sechs Wochen nach dem Überfall saß die frühere Beamtin im höheren Dienst gestern den beiden Räubern im Gerichtssaal gegenüber.

„Der Jüngere war der Aktivere“, erinnerte sich Viktoria H. und deutete in Richtung von Sven L., einem gelernten Koch. Mehrmals habe der 26-Jährige gedroht, er werde sie erschießen. Sven L. habe ihre Hände mit einem Kabelbinder gefesselt. „Er schleifte mich dann über den Flur ins Wohnzimmer.“ Die Täter hätten nach Geld und Wertgegenständen gefragt. Viktoria H. wollte die Männer nicht provozieren. Sie bot das Silberbesteck an, doch daran hatten die Räuber kein Interesse.

Sven L. fesselte die Seniorin schließlich im Badezimmer an einen Heizkörper und schloss die Tür ab. Mit 50 Euro in bar sowie Schmuck, einer Briefmarkensammlung, einem Sparbuch und einem Videogerät machten sich die Täter aus dem Staub. Als Viktoria H. merkte, dass es still geworden war in ihrem Zwei-Zimmer-Apartment, ging ihr durch den Kopf: „Keiner wird mich hier finden.“ Die Vorstellung, sie müsste vier Tage hungern und dursten, bis ihre Putzhilfe käme, sei das „Scheußlichste“ gewesen, berichtete die rüstige Pensionärin. Mit großer Anstrengung sei es ihr dann gelungen, sich zu befreien. Tagelang litt sie unter einer schmerzhaften Prellung am Rücken und Schlaflosigkeit.

Einen Tag nach dem Überfall ging bei der Polizei ein Hinweis ein, der zu einer Wohnung in Lichtenberg führte. In den Rucksäcken von L. und E. wurde ein Teil der Beute gefunden. „Es war eine Spontantat“, sagten die Angeklagten. Er sei nach dem Tod seiner Eltern vor vier Jahren in Alkohol und Drogen abgeglitten, meinte der Jüngere, auf den noch eine vierjährige Haftstrafe nach einem früheren Raub wartet.

„Herr L. war völlig verwirrt“, warf sein Verteidiger ein. Die Richter sahen das anders. Gegen L. erging eine Haftstrafe von sechs Jahren. Der 37-jährige E. muss für fünf Jahre ins Gefängnis. „Toll“, kommentierte Viktoria H. das Urteil und ging zufrieden nach Hause. Sie hofft nun, dass in der Residenz schleunigst an den aus ihrer Sicht „miserablen“ Sicherheitsvorkehrungen gearbeitet wird.

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