Berlin : Hohes Ansprüchle

Stuttgart will kinderfreundlichste Großstadt werden Da bleibt im Vergleich zu Berlin noch viel zu tun

Susanne Vieth-Entus

Die schwäbische Metropole Stuttgart hat ein ehrgeiziges Ziel: „Kinderfreundlichste Großstadt in Deutschland“ will sie werden. Ihr Oberbürgermeister Wolfgang Schuster lud kürzlich sogar in die Berliner Landesvertretung Baden-Württembergs, um für sein Anliegen zu werben. Was die Stadt bisher an Zahlen und Fakten aufbietet, nimmt sich aus Berliner Sicht allerdings eher bescheiden aus.

So formuliert Schuster das Ziel, bis September dieses Jahres 22,6 Prozent der Kinder einen Krippenplatz zu bieten. Zum Vergleich: In Berlin liegt die Quote schon jetzt bei fast 50 Prozent. Sodann freut er sich darüber, dass Stuttgarter Kitas mit über 60 Prozent bilingualen Kindern eine Zusatz-Sprachförderung erhalten. In Berlin gibt es das schon bei einem Anteil von über 40 Prozent.

Auch das, was der Stuttgarter als besondere Qualitätsmerkmale in der Bildungsförderung der Kindertagesstätten anpreist, kommt den Berlinern bekannt vor, weil diese Merkmale sämtlich in Berlins verbindlichem Kita-Bildungsprogramm von 2004 vorkommen. Und dass in den Stuttgarter Krippen immer zwei Erzieherinnen anwesend sind, wie der Oberbürgermeister hervorhebt, ist eigentlich nichts Besonderes, sondern eher eine Selbstverständlichkeit aus Berliner Sicht.

Selbst im Schwabenland scheinen die Betroffenen nicht ganz überzeugt von Schusters bundesweitem Vorstoß zu sein. „Klar macht Stuttgart sehr viel im Vergleich zu anderen Gemeinden in Baden-Württemberg“, sagt eine Mitarbeiterin des dortigen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Das bedeute aber nicht so viel, wenn man bedenke, dass es im Ländle noch Kitas gibt, die mittags die Kinder ohne Mittagessen nach Hause schicken. Die im alten „Westdeutschland“ verbreiteten Kitas ohne Küche sind weiterhin auch im Großraum Stuttgart zu finden. In Unter- und Obertürkheim, also im Umfeld der Daimler-Produktionsstätten, gebe es bis heute noch solche Einrichtungen, berichtet ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung; diese seien aber in kirchlicher Trägerschaft. In städtischen Kitas habe man es inzwischen geschafft, flächendeckend Mittagstisch anzubieten – allerdings erst seit drei Jahren.

Auch in den Schulen ist es mit dem Essen so eine Sache: Nur jede dritte Stuttgarter Grundschule beköstigt ihre Schüler – in Berlin sind es alle. Und nur 16 Prozent der Sechs- bis Zehnjährigen haben einen Hortplatz. In Berlin sind es knapp 50 Prozent. In mancher Hinsicht ist Stuttgart allerdings dann doch überlegen. So müssen Arbeitslose keine Kitagebühr bezahlen und fürs Essen 24 Euro, in Berlin aber insgesamt 48 Euro. Und die Besserverdiener haben es auch besser: Sie müssen in Berlin bis zu 466 Euro aufbringen, in Stuttgart aber nur den Einheitssatz von 161 Euro – Essen inklusive.Susanne Vieth-Entus

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