Berlin : Hohler Zahn mit Karies

Ein Symbol wird saniert: Der Turm der Gedächtniskirche ist hinter einem Gerüst aus Plexiglas verschwunden. 2012 soll er fertig sein

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Nichts als weißes Alublech und Plexiglasfenster. „Warum baut ihr hier ein Hochhaus?“ fragen Touristen die ehrenamtlichen Helfer in der Gedenkhalle auf dem Breitscheidplatz. Wo ist die alte Turmruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche geblieben? „Wir waren vielleicht naiv und dachten, es weiß doch jeder, was hier geschieht“, sagt Pfarrer Martin Germer. Demnächst sollen Infotafeln darauf hinweisen, dass hinter der witterungsfesten „Einhausung“ die seit langem geplante Sanierung des rund 115 Jahre alten und im Zweiten Weltkrieg beschädigten Turms begonnen hat.

Ab Mai wird es Führungen über die Baustelle geben. Damit beteiligt sich die Gedächtniskirche an den Veranstaltungen zum Jubiläum „125 Jahre Kurfürstendamm“, das ab dem 5. Mai gefeiert wird. Die Besucher können aufs Gerüst und von einem Balkon die Aussicht auf die City West genießen. Kunst-, Theologie- und Architekturstudenten sollen sie über den Fortgang der Arbeiten informiert.

Die eigentliche Sanierung durch Restaurateure und Steinmetze wird voraussichtlich erst im Sommer beginnen und soll bis Ende 2012 dauern. Wenn die Gemeinde im kommenden Dezember das 50. Jubiläum der Einweihung der neueren Kirchenbauten von Egon Eiermann feiert, werden die Arbeiten hinter der Verkleidung des alten Turms also in vollem Gange sein. Derzeit sind Fachleute dabei, den Zustand des Tuff- und Sandsteins zu kartografieren.

Bisher hielten sich die Schäden „im erwarteten Rahmen“, sagt der Architekt und Bauleiter Raphael Abrell. Es gibt beschädigte Mosaike und bröckelnde Steine, die an machen Stellen so uneben wie Felsen sind, obwohl sie einst ganz glatt waren. Restauratorin Dorothea Laab, die mit einem Klemmblock auf den Gerüsten unterwegs ist, spricht von „verschiedensten Schadensphänomenen“. Demnächst will die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) weitere Untersuchungen vornehmen.

Die ungewöhnliche Fassade um die Gerüste sehe wie ein Plattenbau aus, findet Pfarrer Germer. Dass die eigentlich silbernen Aluplatten um den alten Kirchturm nach außen weiß sind, liegt am Gerüstbauer: „Der wollte es schick und hat auf eigene Kosten weiße Folie aufgeklebt.“ Die Gerüste und Schutzwände kosten rund eine Million Euro, dafür gibt es einige Vorteile gegenüber einfachen Kunststoffplanen: Die Arbeiten können bei jedem Wetter weitergehen, und dank der Fenster werden die Restauratoren bei Tageslicht arbeiten können. Die Gerüste seien „selbsttragend“, erläutert Pfarrer Germer, es gebe mit Rücksicht auf den Denkmalschutz und die Schäden an den Steinen nur ganz wenige Verankerungen an der alten Bausubstanz.

Insgesamt werden die Kosten auf 4,2 Millionen Euro geschätzt und sind mittlerweile gedeckt: 1,2 Millionen Euro stammen von Spendern und Sponsoren, die zum Teil „Fugenpatenschaften“ übernommen haben. Eine Million Euro steuert die Lottostiftung bei, und je knapp eine Million zahlen das Landesdenkmalamt und der Bund. Mit 375 000 Euro beteiligt sich die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Schließlich ist die Kirche nicht nur ein Berliner Wahrzeichen, sie hat auch den Rang eines „nationalen Kulturdenkmals“.

Die Spendensammlung geht aber weiter. Germer zählt eine Reihe weiterer Schäden jenseits des Turms auf, die man gerne beseitigen würde: Bodenplatten rund um die Kirche sind um mehrere Zentimeter abgesackt und die Holzvertäfelungen in der Kapelle sind nach fünf Jahrzehnten marode. Die Lüftungsanlage der Kirche sei zu schwach und habe einen schlechten Wirkungsgrad, gerne würde die Gemeinde eine modernere und energiesparende installieren.

Die Gemeinde hat sich grundsätzlich gegen Riesenplakate mit Werbung entschieden. Die hatten 1999 dazu beigetragen, dass die Wabenfassade an Eiermanns Sechziger-Jahre-Kirchturm finanziert werden konnte. Damals lächelte zum Beispiel Claudia Schiffer von einer Kosmetikwerbung am Turm. Undenkbar für die jetzige Baustelle. Denn der alte Turm, so Germer, sei ein Mahnmal gegen die Schrecken des Krieges.

Vom Sommer 2012 an dürfte das Bauwerk zumindest wieder teilweise sichtbar sein, dann sollen nicht mehr benötigte Teile der Schutzfassade abgebaut sein. An der Form des historischen Kirchturms ändert sich nichts, sagt Germer. „Das Ensemble ist ja ein weltbekanntes Bild.“

Probleme bereitet den Technikern, dass es in die Turmruine hineinregnet und -schneit. Durch die Kriegszerstörungen liegen außerdem Ziegel frei, die eigentlich nur für den Innenbereich geeignet und nicht frostbeständig seien. Schon in den fünfziger Jahren wurden Ideen verworfen, den Turm „wie einen Schneewittchensarg“ mit transparentem Kunststoff oder Ähnlichem zu schützen. Und auch künftig werde es „keine Gedächtniskirche in Aspik“ geben, sagt Pfarrer Germer

Frisch vergoldet und repariert werden auch die Turmuhren, von denen zuletzt nur noch eine die Zeit korrekt angezeigt hat. „Die anderen drei liefen ungenau, wir hatten sie deshalb schon 2008 abgeschaltet“, sagt Germer. Ganz genau weiß die Gemeinde dafür seit vorigem Sommer, wie hoch der alte Kirchturm tatsächlich ist: 71,18 und nicht, wie bis dahin angenommen, 68 Meter. Das haben Messungen mit Laserscannern ergeben.

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