Berlin : Holger Meins: Ganz schön kultig

Thomas Loy

Gerd Conradt liebt Filme, besonders jene mit Konzept. Am 9. Februar 1968 laufen Studenten der Film- und Fernsehakademie Berlin in einer Staffette die Schlossstraße entlang. Sie tragen eine rote Fahne durch die regengraue Stadt. Dazu dröhnt die Revolutionshymne "Der Osten ist rot". 12 Minuten dauert der Streifen. So viel Filmmaterial hatte Conradt gerade übrig. Am Ende des Zelluloids ist das Ziel erreicht: der Balkon des Schöneberger Rathauses. Die Revolution hat gesiegt. Schlussläufer dieses olympischen Fahnenlaufs mitten im Berliner Berufsverkehr ist Holger Meins, Studienkollege von Gerd Conradt und RAF-Mitglied.

Am 9. November 1974 starb Meins in der Haftanstalt Wittlich (Rheinland-Pfalz) nach fast zweimonatigem Hungerstreik gegen die Isolationshaft. Conradt hat ein Buch über Meins geschrieben, eher eine Collage mit Interpretationshilfen über die "RAF-Ikone" aus dem Kreis der ehemaligen Freunde und Augenzeugen. Nun verkauft sich ein Buch nicht mehr einfach so, deshalb tourt Conradt durch die Republik. Zum Unesco-Welttag des Buches lud der Espresso-Verlag in den Soda Club der Kulturbrauerei zu einem "explosiven Abendprogramm". Die RAF ist immer einen Event wert.

Nach dem heiteren Stafettenlauf folgt der Film "Die Worte des Vorsitzenden" vom Meins-Kommilitonen Harun Farocki. Ein Mao-Bibel-Leser faltet ein Blatt nach erfolgter Lektüre zur Raketenwaffe, die dem braven Bürger mitten in die Suppe stürzt. Spannender wird es, als Schauspieler Siegfried Effenberger ein Interview mit dem Meins-Anwalt Siegfried Haag vorliest. Haag war der letzte, der den Hungerstreikenden in seiner Zelle besuchen konnte. Drei Stunden später war Meins tot. Haag beschreibt den Terroristen - wie übrigens fast alle Meins-Bekannten, die im Buch zu Wort kommen - als friedfertig, zurückhaltend und nachdenklich. Gudrun Ensslin hatte den Tarnnamen "Starbuck" für Meins gewählt - nach dem entschlossenen Steuermann aus dem Roman "Moby Dick". Vom Bombenbastler und Anschlagplaner Meins erfahren die Szenegänger in der Kulturbrauerei nichts. Eine einseitige Darstellung? Ja, räumt Conradt ein - "warum auch nicht?" Lieber zeigt er noch einen Film mit Meins als Kameramann. Endlos lange Einstellungen: Mann geht über Brücke - Sonnenbrille, Zigarette - ein zerrissener Spieler wie Jean-Paul Belmondo in "Außer Atem". Als Gegenentwurf zeigt der Videokünstler Philipp Virus seinen "Video-Live-Mix" über die "RAF-Ikone" Meins. In Bildhäckseln wird die Welt hinter Stacheldraht projiziert. Deutschland, ein Gefängnis ohne Entkommen, darin aufgebahrt sein Opfer Holger Meins. Das ältere Publikum, bisher eher zustimmend, zeigt zum ersten Mal seinen Unmut. "Unpolitische Scheiße", ruft eine Frau. Die Video-Fraktion hält nur schwach dagegen. Eine Diskussion kommt nicht zustande. Ist auch schon Zeit für die Performance. Conradt möchte, dass sich jeder mit einem beliebigen Fremden über "Zeit" unterhält, fünf Minuten lang. Die ersten Besucher verlassen aufgeschreckt die bestuhlte Tanzfläche.

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