Berlin : Holger Wildner (Geb. 1968)

Ist das Bedürfnis nach Harmonie eine Charakterschwäche?

Tatjana Wulfert

Das Telefon in der Agentur klingelt. Anja hebt ab. „Ja bitte?“ – „Guten Tag. Ich bin Journalist. Vor einiger Zeit lernte ich ihren Kollegen Holger Wildner auf einer Pressekonferenz kennen. Er hat sich damals ungewöhnlich viel Zeit für mich genommen, die Dinge, die ich wissen wollte, ausführlich erklärt. Jetzt habe ich von seinem Tod gehört.“ – „Ja, Holger ist gestorben. Plötzlich. Mit 40. Ist am Morgen einfach nicht mehr aufgewacht.“

Der Journalist sucht nach Worten. „Herr Wildner hat mir sehr geholfen.“ – „Ja, Holger war nicht jemand, der schnell seine Aufgaben erledigte und dann nach Hause ging. Er hat viel gearbeitet.“

Was Anja verschweigt, ist, dass Holger zu viel gearbeitet hat. Ihr fällt ein, wie er sich tagelang mit einer Lungenentzündung herumschleppte, sich in der Agentur mit Asthmaspray half und dann auf die Intensivstation musste. Niemand hatte bemerkt, wie schlecht es ihm ging. Es konnte auch niemand bemerken, denkt sie. Immer wollte Holger alles unproblematisch erscheinen lassen, niemanden belästigen. Nicht selten saß er am Tag in der einen Firma, entwarf Konzepte, verfasste Pressemitteilungen, lief dann nach Hause, beugte sich dort über die Unterlagen einer anderen Firma, oft bis in die Nacht hinein. Und am Wochenende ging er aus, ins Berghain, redete, tanzte, feierte.

Anja fragt sich jetzt, woher er all die Kraft nahm. Damals stellte sie sich diese Frage nicht. Warum auch? Holger sah nie erschöpft aus. War voller Energie. Genoss es, in Berlin zu leben. 1990 war er hergezogen. Sie erinnert sich an ihre erste Begegnung. Zwei aus der Provinz, neu in der Großstadt. Beide sind zum Studieren gekommen und suchten ein Zimmer. Standen schon eine halbe Stunde vor dem Besichtigungstermin vor der Wohnung. Niemand sonst war so pünktlich. Sie lachten über sich. In Nack, einem Dorf in Rheinhessen, aus dem Holger stammt, ist Pünktlichkeit oberstes Gebot. Seine Eltern bewirtschaften einen Weinbauernhof. Urlaub gab es nie. Während der Ferien half Holger bei der Lese. Den Hof aber sollte sein älterer Bruder übernehmen. Holger zog sich lieber zurück, las, blätterte in Kunstbänden. Schrieb sich nach dem Zivildienst in Berlin an der Freien Universität für Kunstgeschichte und Germanistik ein.

An der Uni trafen wir uns wieder, erinnert sich Anja weiter. Purer Zufall. Und sind zusammen in eine WG gezogen. Nicht als Liebespaar. Als Freunde. Zehn Jahre, die Zahl erscheint ihr immens. Zehn Jahre haben wir zusammengelebt. Und uns nicht einmal ernsthaft gestritten. Häufig hat sich Anja in letzter Zeit Gedanken darüber gemacht. Man muss doch hin und wieder streiten. Aber Holger hat jede Konfrontation vermieden, wollte nie jemanden vor den Kopf stoßen, es immer allen recht machen. Ein böses Wort über einen anderen Menschen? Eine Rarität. War sein Bedürfnis nach Harmonie auch eine Charakterschwäche? Anja betrachtet Holgers Foto auf der Trauerkarte, seine schöne hohe Stirn, die wachen Augen. Auf der Karte steht: „Die Bande der Liebe werden mit dem Tod nicht durchschnitten.“ Ein Satz von Thomas Mann. Aus welcher Erzählung, welchem Roman, weiß sie nicht mehr. Holger hätte es sofort gewusst. Thomas Mann, den er neben Proust am meisten verehrte. In seiner Wohnung eine riesige Bücherwand. „Bücher sind die beste Dekoration“, sagte er. Seine Begeisterung für die Sprache war eine tiefe, wahre. Kein seichtes Schwatzen, kein kokettes Prahlen. Als er sich später selbstständig machte, nannte er seine Firma „Phrasenfrei“.

Vielleicht hat er doch davon geträumt, in dem Beruf, den er erlernt hatte, zu arbeiten? Kunstgeschichte. Er mochte seine Tätigkeit als PR-Berater, darum ging es nicht. Aber wenn man nur einmal mit ihm zusammen ein Museum oder eine Kirche besuchte, wusste man vom ersten Moment an, was seine eigentliche Leidenschaft war. Barock, italienischer Barock. Wie er jede Einzelheit eines Gemäldes erklären konnte. Das Spiel von Licht und Schatten in Carraccis „Maria Himmelfahrt“. Den in sein eigenes Abbild versunkenen Narziss von Caravaggio. Anja denkt daran, dass Holger ihrem kleinen Sohn, später, wenn er älter sein würde, all die Herrlichkeiten und versteckten Anspielungen in den Kunstwerken zeigen wollte. Ihr fallen die gemeinsamen Reisen ein, die Loire entlang, durch das Veneto, nach Rom. Wie sie ihn damals mit dem Auto aus Rom abholte. Dort hat er ein Jahr lang studiert. Und in einem Zimmer in einem Palazzo gewohnt. Der gehörte einer alten adligen Dame, die unaufhörlich rauchend von Raum zu Raum schritt. Schöne vergangene Zeit.

Anja schreckt auf. Sie hört wieder die Stimme des Journalisten. „Hinterlässt Herr Wildner eine Familie?“ – „Ja“, antwortet sie, „Holgers Mann bleibt zurück. Peter. Am 24. Oktober, das war ein Freitag, hatte ich es eilig aus dem Büro zu kommen, rief ihm ein schnelles ,Bis Montag‘ zu. Am 26. Oktober, am Sonntag, lief ich mit meinen Kindern durch den Botanischen Garten. Mein Handy klingelte. Peter war am Apparat. Er sagte diesen Satz: Holger ist tot.“ Der Journalist schweigt. Anja horcht noch einen Moment. Dann sagt sie: „Auf Wiederhören“ und legt auf. Tatjana Wulfert

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