Holocaust-Gedenken : Fünf Steine zum Stolpern in Schlachtensee

Warum Stolpersteine zuweilen auch als anstößig empfunden werden, beschreibt unser Autor Dirk Jordan. Anlass ist die Verlegung von fünf Stolpersteinen in Schlachtensee.

Dirk Jordan
Foto: Dirk Jordan

Seit Jahren werden auf Bürgersteigen „Stolpersteine“ verlegt, die an Verfolgte des Naziregimes erinnern. Diese Initiative wurde durch den Künstler Gunter Demnig in den 80er Jahren geschaffen. In der Zwischenzeit hat sich daraus die größte Gedenkinitiative in Deutschland entwickelt, allein in Berlin wurden bisher fast 7000 Steine verlegt. Gunter Demnig hat seine Steine bewusst „Stolpersteine“ und nicht Gedenksteine o.ä. genannt, weil er mit ihnen ein gedankliches „Stolpern“ erreichen will. Mit der Entwicklung der Initiative hat sich aber das Verständnis der Steine bei denen, die sich um eine Verlegung kümmern und vor allem bei den Nachfahren der Opfer gewandelt. Sie sehen in den Steinen in der Regel Gedenksteine, ja sogar eine Art Grabsteine, weil ja ihre Angehörigen nie ein Grab hatten. Das verträgt sich nicht immer mit den Regeln, die der Künstler für seine Steine vorgibt. So möchte er, dass auf den Steinen auch steht, wie die Nazis ihre Maßnahmen begründet haben, auch wenn dies Vorwände, Diffamierungen oder reine Willkür waren. So kann es dazu kommen, dass auf den Steinen Worte stehen, die dem „Nazijargon“ zuzuordnen sind. Das wird von vielen als anstößig empfunden und abgelehnt.

Wenn nun am Freitag, dem 31.3.2017 um 17 Uhr vor der Lindenthaler Allee 29 fünf weitere Stolpersteine in Schlachtensee verlegt werden, dann „stolpert“ man bei dem Stein von Louis Silbermann nicht nur über die Worte „als asozial stigmatisiert“, sondern über das in wenigen Worten verdichtete Lebensschicksal:

Hier wohnte LOUIS LEYSER SILBERMANN, Jahrgang 1879, verhaftet 1938, Sachsenhausen, als asozial stigmatisiert, Flucht 1938 Frankreich, ermordet 1941 Recebedou.

Hinter diesen Worten steht eine ganze Lebens- und Leidensgeschichte: Louis Silbermann hatte mit seinem Bruder zusammen ein Geschäft für Seidenwaren in Berlin. Die Silbermanns galten unter den Nazis als Juden, ihnen wurde wie anderen auch die Möglichkeit der Geschäftstätigkeit entzogen. Im Sommer 1938 wurde Louis Silbermann daraufhin unter dem Vorwand, ein „asozialer Jude“ (so in den Akten) zu sein, nach Sachsenhausen verschleppt. Er kam nur frei, weil er sich verpflichtete, Deutschland zu verlassen. Um die dafür fällige „Reichsfluchtsteuer“ bezahlen zu können, musste er seinen Besitz verkaufen. Es gelang ihm nur nach Südfrankreich zu fliehen, wo er nach der Besetzung Frankreichs 1940 wieder im Lager Gurs festgesetzt wurde und letztendlich im Lager Recebedou 1941 verstarb.

In der damaligen Theodor Fritsch Allee 29 wohnte seit 1933 aber nicht nur er, sondern die ganze Familie Silbermann, die alle von den Verfolgungen der Nazis betroffen waren und für die alle Stolpersteine verlegt werden. Verlegt wird dort auch ein Stein für Jenny Hirsch, die dort zeitweise wohnte und ihren letzten frei gewählten Wohnort dort hatte. Die Verlegung der Steine wurde von der AG Spurensuche, die in der evangelischen Kirchengemeinde Schlachtensee arbeitet, vorbereitet. Innerhalb der Gruppe gab es über die Kennzeichnung von Louis Silbermann auf dem Stein eine intensive Auseinandersetzung, die letztendlich dazu führte, dass nicht alle die Verlegung des Steins mittragen können.

So wie Louis Silbermann, der vor den Nazis aus Deutschland fliehen musste und dann in seinem Fluchtort zum zweiten Mal verfolgt wurde, erging es auch seinem Sohn Kurt. Er floh schon 1936 aus Deutschland und ging in die Sowjetunion. Dort wurde er nicht von dem Terror der Nazis erfasst, sondern von dem großen Terror Stalins. Er wurde 1938 vom NKWD verhaftet, aufgrund von Verleumdungen zum Tode verurteilt und am 07.04.1938 in Butovo (bei Moskau) erschossen. 1989 wurde er zwar rehabilitiert, war aber dennoch Opfer des doppelten Terrors der damaligen Zeit. Davon steht nichts auf dem Stein. Da die Stolpersteine geschaffen wurden, um an die Verfolgungen der Nazis zu erinnern, wird auf keinem der Steine das weitere Schicksal der Opfer beschrieben. Auch dies war ein Punkt intensiver Auseinandersetzungen in der Gruppe, wurde aber letztendlich von allen akzeptiert.

Die Frau von Louis Silbermann konnte mit dem jüngeren Sohn noch 1940 nach Argentinien emigrieren. Sie haben beide die Nazizeit überlebt.

Wenn Stolpersteine verlegt werden, glänzt die Messingoberfläche hell und sieht so glatt aus. Schaut man aber genauer hin und kennt die dahinterliegende Lebensgeschichte, dann zeigt sich, wieviel an „Stolpern im Kopf“ durch die Steine angestoßen wird und sie zu Recht Stolpersteine heißen.

Mehr über den Autor Dirk Jordan lesen Sie hier.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar