Berlin : Holocaust-Gedenktag: Ein Kerzenmeer als flammende Mahnung

Annette Kögel

Mit zahlreichen Veranstaltungen wurde in Berlin der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Die Aktionen unter dem Motto "Wehret den Zuständen" richteten sich auch gegen den aktuellen Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus. "Skinheads dürfen nicht salonfähig gemacht werden", sagte Bundestagspräsident Wolfgang Thiese am frühen Abend auf der zentralen Gedenkveranstaltung anlässlich des Jahrestages der Ausschwitz-Befreiung am Ort des geplanten Holocaust-Mahnmals in Mitte.

Dort hatten sich trotz des Regens mehrere tausend Menschen versammelt, einige von ihnen hielten Kerzen. Zahlreiche Vertreter aus den Bezirken, von Senat und Bundestag standen ganz vorn an der Bühne, auch die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth war gekommen. Die Gesellschaft müsse mit "unnachgiebiger Härte gegen Schläger vorgehen", sagte Thierse in seiner Rede, zugleich müsse man den Menschen aber auch "eine Einladung zur Menschlichkeit" aussprechen. Man müsse ihnen die Chance geben, auszusteigen.

Ganz ruhig wurde es, als Anna Thalbach aus dem Tagebuch der Anne Frank las. Buddy Elias, Cousin des kurz vor der KZ-Befreiung umgekommenen Mädchens, umarmte Lea Rosh, die Vorsitzende des Förderkreises zur Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Juden Europas e.V. nach der Veranstaltung naben der Bühne. "Wir gehen nach Hause mit dem Versprechen, wir wehren uns gegen die Zustände. Ich denke, wir sind so viele, es wird uns gelingen" - mit diesen Worten hatte Frau Rosh die offizielle Gedenkfeier zuvor mit einem Appell beschlossen. Nach Angaben der Veranstalter waren rund 3000 Menschen zur Ebert- Ecke Behrenstraße gekommen - eingeladen hatte die "Berliner Initiative: Europa ohne Rassismus", in der sich etwa 30 Vereine und Gruppen zusammengeschlossen haben.

"Ich finde es sehr schön, dass es heute überall in den Bezirken so viele verschiedene Aktivitäten gegeben hat, dort, wo die Menschen ihren Alltag leben", sagte Andreas Nachama, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, am Rande der Feier. Lea Rosh hatte sie von der Bühne aus noch einmal zusammengetragen: Ob die Enthüllung einer Gedenktafel am ehemaligen Zwangsarbeiterlager Niederschöneweide oder das Treffen Jugendlicher am Urnengrab von Werner Seelenbinder in Neukölln - gut zwei Dutzend größere Aktivitäten waren es insgesamt.

Am Nachmittag fand etwa eine Protestaktion gegen die Nationalsozialisten in der Rosenstraße in Mitte statt. Zu der Gedenkveranstaltung unter dem Motto "Wider das Vergessen - Zivilcourage gestern und heute" hatte die Überparteiliche Fraueninitiative aufgerufen. In der Rosenstraße hatten im März 1943 Demonstranten, vor allem Frauen, erzwungen, dass ihre von den Nazis festgenommenen jüdischen Familienangehörigen wieder freigelassen wurden. Die Festgenommenen sollten von der ehemaligen Sozialverwaltung der Jüdischen Gemeinde an der Rosenstraße aus im Rahmen des Nazi-Plans, die "Reichshauptstadt judenfrei" zu machen, deportiert werden.

Auf dem Bebel-Platz in Mitte gedachte am Nachmittag der Humanistische Verband Deutschlands der Todesopfer rechter Gewalt in den zehn Jahren seit der Wiedervereinigung. Etwa 60 Männer und Frauen trugen Plakate, auf denen ein Opfername verzeichnet war. Die Verbandsmitglieder standen in einem großen Halbkreis auf dem Bebel-Platz. Verteilt wurde dort - wie auch auf der abendlichen Abschlussveranstaltung - ein Tagesspiegel-Sonderdruck, in dem die inzwischen 95 Todesopfer rechter Gewalt aufgelistet werden. Auf dem Bebel-Platz hatten Nazis am 10. Mai 1933 die Bücher zahlreicher Schriftsteller verbrannt.

Zum Auftakt des Gedenktages hatten sich rund 200 Menschen am Vormittag Unter den Linden vor der Humboldt-Universität versammelt. Zur Demonstration anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers am 27. Januar 1945 mit anschließendem Mahnmarsch zum Ort des geplanten Holocaust-Mahnmals hatte das Bündnis "Gemeinsam gegen Rechts" aufgerufen. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele forderte, ehemalige Zwangarbeiter sofort zu entschädigen. "Die Unternehmer haben damals von der Rassenpolitik profitiert, deswegen müssen sie das jetzt gutmachen."

Mit dem Holocaust-Gedenktag, der 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog initiiert worden war, soll an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 56 Jahren erinnert werden. In dem größten Vernichtungslager der Nazis waren Millionen Menschen ermordet worden.

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