Berlin : Holocaust-Mahnmal: Architekt Eisenman ließ Planung stoppen

Amory Burchard

In diesem Frühjahr sollte es endlich losgehen mit dem Bau des Denkmals für die ermordeten Juden Europas. Es war geplant, nach dem Ende der Frostperiode zuerst die Seitenwände des Ortes der Information zu betonieren, der unter dem Stelenfeld entsteht. Gleichzeitig lief schon eine Ausschreibung, die 2700 Stelen als Fertigteile aus Stahlbeton zu gießen. Aber die Ausschreibung ruht jetzt - Mahnmals-Architekt Peter Eisenman hat sie stoppen lassen. Ob das Mahnmal planmäßig bis 2004 fertig wird, ist deshalb ungewiss.

Zum Thema Chronologie: Mehr als zehn Jahre Diskussion Bis zum 30. November konnten interessierte Firmen bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ihr Interesse bekunden. Am 19. Dezember sollten dann von ausgewählten Firmen Angebote angefordert werden - es handelt sich um ein engeres, "nicht offenes" Verfahren. Fünf Tage vor der Frist bekamen dutzende Firmen jedoch Post von Peter Eisenmans Partner in Berlin. Architekt Manfred Schasler schrieb ihnen, das Verfahren verschiebe sich "aufgrund umfangreicher inhaltlicher Klärungen ... bis auf unabsehbare Zeit".

Damit habe Eisenman die Ausschreibung der wichtigsten Arbeiten am Mahnmal ausgesetzt, sagt Lothar C. Poll, stellvertretender Vorsitzender des Förderkreises für ein Mahnmal und Mitglied im Kuratorium der Denkmals-Stiftung, die für den Bundestag als Bauherr auftritt. Aus der Stiftung erfuhr Poll, was da inhaltlich geklärt werden muss: Peter Eisenman habe mitgeteilt, dass er auf Schiefer-Stelen umsteigen wolle.

Architekt Schasler sagt dazu: "Ich kann jetzt nicht bestätigen, dass ein anderes Material kommt." Eisenman mache sich aber durchaus "Gedanken, ob auch andere Materialien geeignet sind." Teurer solle eine eventuelle neue Variante aber auf keinen Fall werden. Eisenman wolle "im Kostenrahmen" vom 49,5 Millionen Mark bleiben. Schasler bestätigte, dass auf dem Mahnmal-Gelände zusätzliche Schiefer-Quader aufgestellt worden seien. "Das sind Materialproben", sagt der Architekt. Es gehe um "eine letzte Alternativüberlegung" und "nicht um einen Abgesang auf den Beton." Peter Eisenman halte die Betonvariante nach wie vor "für sicher und ästhetisch befriedigend".

Wolfgang Thierse, Bundestagspräsident und Vorsitzender der Denkmals-Stiftung, hat allerdings einen Brief von Eisenman bekommen, in dem der Architekt Schiefer als Stelen-Material vorschlägt. "Eisenman hat uns mit dieser Idee überrascht", so Thierse gestern gegenüber dem Tagesspiegel. Er wolle sie in diese Woche mit dem Architekten diskutieren.

Der Material-Streit hat eine Vorgeschichte: Im Mai 2001 waren auf dem für das Denkmal vorgesehenen Gelände Probestelen aus Beton aufgestellt worden. Kurz darauf teilte Peter Eisenman der Denkmals-Stiftung mit, er wolle dem Beton einen schimmernden oder glitzernden Zusatzstoff beimischen lassen.

Schon von diesen Vorschlägen habe Eisenman die Stiftung nicht überzeugen können, so Lothar C. Poll. Offenbar gefalle es Eisenman auch nicht, dass Beton witterungsanfällig sei. Aber gerade diese Eigenschaften gehörten zum Charakter des Denkmals. "Den ersten Preis im Wettbewerb hat er für Beton bekommen", sagt Poll. Edel schimmernde Schiefer-Stelen zu nehmen, erinnere ihn an den Ausspruch von Bundeskanzler Gerhard Schröder, er wolle ein Mahnmalsgelände, auf dem man sich "wohlfühlen" könne.

Berlins Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) reagierte gestern überrascht und alarmiert auf die Nachricht von einem möglichen Material-Wechsel. "Ich weiß davon überhaupt nichts", sagte Strieder. In der vergangenen Woche habe er seine Verwaltung allerdings vorsorglich angewiesen, keine Baumaßnahmen zu starten, bevor Peter Eisenman nicht "alle Pläne vorgelegt habe" und diese genau durchgerechnet seien. Die vom Bundestag veranschlagte Bausumme von knapp 50 Millionen Mark müsse auf jeden Fall eingehalten werden. Ansonsten drohe "ein Politikum". Aus der Bauverwaltung heißt es, es kursierten bereits Gerüchte über die Schiefer-Stelen. Sollte es tatsächlich nicht beim Beton bleiben, müsse ein großer Teil der bisherigen Bauplanung über den Haufen geworfen werden.

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