Berlin : Holocaust-Mahnmal: Zwischen den Stelen

Amory Burchard

Montagmittag auf dem Gelände des Holocaust-Mahnmals am Rande des Tiergartens: Vor wenigen Stunden wurde bekannt, dass Architekt Peter Eisenman erwägt, die 2700 Stelen des Mahnmals nicht wie geplant aus Beton, sondern aus Schiefer fertigen zu lassen. Sibylle Quack, die Geschäftsführerin der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, steht im Regen, zwischen den Stelen, die hier zur Probe aufgestellt wurden.

Rechts von Sibylle Quack zwei jeweils vier Meter hohe Stelen aus dunkelgrau eingefärbtem Beton. Links von ihr zwei etwa fünfzig Zentimeter hohe Quader aus Schiefer. Auch sie sind dunkelgrau, jedenfalls obenauf, wo sie dem Regen ausgesetzt sind. Die dunklen hohen Stelen, sagt Frau Quack, seien der letzte Stand der Erprobung verschiedener Beton-Güsse und Einfärbungen. Genau so habe Eisenman sie haben wollen. Bis er die Idee mit dem Schiefer aufbrachte. Mahnmals-Architekt Peter Eisenman hatte, wie in Teilen unserer Ausgabe vom Montag berichtet, auf einer Spanienreise in einem Steinbruch ein neues Material für seine Stelen entdeckt - Schiefer.

In einem Brief an Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der auch Vorsitzender der Stiftung ist, berichtete Eisenman von seiner Entdeckung - und äußerte den Wunsch, beim Mahnmal auf Schiefer umzusteigen. Daraufhin, so Quack, habe die Stiftung von Eisenman "technische Einzelheiten" angefordert: Erste Angaben zu den Eigenschaften von Schiefer, zur Beschaffung des Materials und zu den Kosten. Was Eisenmans Team dazu geliefert habe, sei für sie "nicht sehr überzeugend" gewesen, sagt Sibylle Quack. Deshalb sei es nun an Eisenman, seine Berechnungen bis zur Kuratoriumssitzung am 31. Januar zu präzisieren. Mit Blick auf die Stelen sagt Quack: "Ich sehe jedenfalls keinen großen Unterschied. Wenn es regnet, wird beides dunkel."

Peter Eisenman war gestern nicht bereit, sich zu Einzelheiten seines Schiefer-Experiments zu äußern. Ursprünglich sei es darum gegangen, "Schiefer zu bekommen, der aussieht wie Beton", sagte er in seinem New Yorker Büro am Telefon. Aber jetzt, nachdem sein Vorstoß öffentlich bekannt wurde, sei die Möglichkeit, Schiefer zu nehmen "ruiniert".

Es war nicht zu überhören, dass der Künstler verärgert ist. Die Schiefer-Option habe den Bau des Mahnmals zu keinem Zeitpunkt gefährdet. Er habe keine höheren Kosten und keine Zeitverzögerung verursachen wollen. Nun könne es nur noch darum gehen, "besseren Beton zu bekommen".

Die Vorsitzende des Förderkreises für ein Denkmal für die ermordeten Juden, Lea Rosh, hofft, dass Eisenman zu seiner spontanen Erklärung vom Montag steht. "Es wäre gut, wenn er es lässt", sagt Rosh. Sie habe von vornherein nicht verstanden, "wie jemand vier Jahre lang Beton vorschlagen und dann auf einmal mit Schiefer kommen kann". Lea Rosh setzt sich wie Geschäftsführerin Sibylle Quack für die dunkel eingefärbten Beton-Stelen ein. Ihr gefiele deren "marmorierte Oberfläche". Wenn diese Stelen zusätzlich gegen Witterungseinflüsse imprägniert würden, wären sie die ideale Lösung für das Stelenfeld. Nur unbehandelte Betonflächen würden, wie man aus den Erfahrungen der Betonarchitektur der 70er Jahre wisse, mit der Zeit unansehnlich.

Der Vorsitzende der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, versuchte gestern einer weiteren Diskussion um Eisenmans Mahnmal-Pläne mit einer Presseerklärung zuvorzukommen: "Der Architekt hat eine neue Idee mitgeteilt. Mehr ist nicht geschehen. Das ist das Sympathische an Künstlern, dass sie immer wieder neue Ideen haben, und die kann man auch diskutieren. Aber mit mir gibt es keine Überschreitung des vereinbarten Kostenrahmens und ich werde alles tun, um den geplanten Fertigstellungstermin des Mahnmals (Frühjahr 2004) einzuhalten."

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