Homöopathie : Zuckerschlecken? Ohne mich!

Globuli hier, Globuli da: Warum wollen mir in dieser Stadt alle ihre wirkungslosen Kügelchen andrehen? Liebe Homöopathie-Freunde, beruhigt eure Nerven gerne mit dem Zeug – aber lasst mich damit in Ruhe.

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Runter damit! Anti-Homöopathie-Aktivisten ziehen sich vor dem Brandenburger Tor eine „Überdosis“ Globuli rein.
Runter damit! Anti-Homöopathie-Aktivisten ziehen sich vor dem Brandenburger Tor eine „Überdosis“ Globuli rein.Foto: Herbert Knosowski/dpa

An was denken Sie zuerst, wenn es um Menschen geht, die andere ungefragt und aufdringlich von ihren schrägen, völlig an der Realität vorbeigehenden Ideologien überzeugen wollen? Zeugen Jehovas? Pegida-Propagandisten? Staubsaugervertreter? Ich nicht. Ich denke mit Schaudern an all die Homöopathie-Gläubigen, die mich in den letzten dreieinhalb Jahren mit ihren Bekehrungsversuchen belästigt haben.

Ich kann genau sagen, wann es anfing: Als man sehen konnte, dass ich schwanger war. Meist waren es Bekannte, die selbst schon Kinder hatten: „Früher habe ich ja auch nicht daran geglaubt“, sagten sie, „aber homöopathische Mittel wirken toll bei Kindern, gerade bei Babys. Da kommst du nicht drumrum!“ Tatsächlich hatten viele Mütter, die ich bei Kursen und in Parks traf, stets Kügelchen parat: gegen Zahnungsschmerzen, gegen Beulen, gegen was weiß ich noch alles. Oft wollten sie meinem Baby auch welche andrehen. Nein, danke! Auch in den Elternzeitschriften, die bei meinem Kinderarzt ausliegen, werden Globuli als ernst zu nehmende Behandlungsmethode vorgestellt (gerne gleich neben der dazu passenden Werbeanzeige).

Verkauft werden darf es nur, weil es wirkungslos ist

Ich schreibe oft über Gesundheitsthemen, habe deshalb viel zum Thema Homöopathie gelesen – und halte es für Humbug. Auch wenn Homöopathie-Anhänger es durch komplizierte und pseudowissenschaftliche Formulierungen über Potenzen verschleiern: Die Mittelchen sind und bleiben Zuckerkügelchen, die nur deshalb verkauft werden dürfen, weil sie nachgewiesenermaßen keine Wirkung haben. Jetzt werden alle Homöopathie-Fans aufschreien: Die hat doch keine Ahnung! Dabei will ich ihnen ihre Überzeugungen gar nicht nehmen. Von mir aus darf jeder an alles glauben – an Jehova, fliegende Spaghettimonster, Wunderstaubsauger oder Globuli. Nur lasst mich bitte damit in Ruhe!

Denn aufgedrängt wird einem das Zeug ja nicht nur von Zufallsbekannten, deren nervige Ratschläge man einfach ignorieren kann. Sondern auch von Hebammen, Apothekern und Ärzten, die man um Hilfe bittet. Oder denen man ausgeliefert ist. So hörte ich zwischen zwei heftigen Wehen plötzlich eine Hebamme in strengem Ton zur anderen sagen: „Hast du ihr schon Arnica gegeben?“ Ich wusste, dass sie damit nicht ein Medikament meint, in dem tatsächlich ein Extrakt der Pflanze enthalten ist, sondern Globuli. Doch ich war zu schwach, um zu protestieren, und schluckte folgsam. Schließlich waren es nur Zuckerkügelchen. Trotzdem fühlte ich mich, als hätte jemand meine Schwäche ausgenutzt.

Wer nicht dran glaubt, dem hilft es auch nicht

Als ich zwei Wochen nach der Geburt immer noch schwächelte, empfahl meine Hebamme mir Bachblüten-Tropfen, die mein verunsicherter Mann sogar kaufte. Als ich kurz darauf in einer Kreuzberger Apotheke nach Augentropfen fragte, weil meinem Baby die Augen tränten, verkaufte man mir ohne Erklärung die homöopathische Variante – erst nach dem Bezahlen las ich es auf der Packung. Die Apothekerin zuckte nur gleichgültig mit den Schultern. „So lange es nicht so schlimm ist, geben Sie erst mal die homöopathischen Augentropfen“, sagte unsere Schöneberger Kinderärztin. „Die anderen erst, wenn es schlimmer wird.“

Ernsthaft sauer wurde ich nach dem letzten Besuch bei meiner Wilmersdorfer HNO-Ärztin. Ich hatte eine schmerzhafte Entzündung im Nasen- und Rachenbereich und schon eine Packung Antibiotika genommen. „Ich will Ihnen lieber nicht schon wieder Antibiotika geben“, sagte die Ärztin – und schrieb mir ein homöopathisches Medikament auf. „Aber ich glaube nicht an die Wirkung von Zuckerkügelchen“, entgegnete ich. „Ach so“, erwiderte die Ärztin. „Dann funktioniert es auch nicht. Wenn das so ist, nehmen wir doch ein Antibiotikum.“

Ihr Schwanken zwischen Süßigkeiten und Arznei-Keule verunsicherte mich völlig. Ich weiß nicht, ob ich noch mal zu dieser Ärztin gehen will. Aber wohin sonst? Den Homöopathie-Anhängern entgeht man offenbar nirgends, jedenfalls nicht in Kreuzberg, Schöneberg und Wilmersdorf. Wenn ich dagegen bei Verwandten auf dem Dorf in Niedersachsen zu Besuch bin, auch bei solchen mit kleinen Kindern, sind Kügelchen nie ein Thema.

Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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