Homophobie an Schulen : „Da kommt die Lesbe!“

Lehrer klagen über zunehmende Homophobie - gerade unter Migranten. Experten streiten, wie die Schulen damit umgehen sollen.

Lars von Törne

Der Albtraum begann vor zehn Jahren. Bis dahin hatte die Lehrerin an der Kreuzberger Grundschule keinen Hehl aus ihrem Privatleben gemacht. Wenn sie Schüler danach fragten, sagte sie offen, dass sie mit einer Frau zusammenlebe.

Dann kippte die Stimmung, immer öfter reagierten Schüler und Eltern ablehnend – parallel zum Anstieg des Migrantenanteils an der Schule von 50 auf 90 Prozent, wie die Lehrerin berichtet, darunter vor allem Kinder aus sogenannten bildungsfernen Familien.

Vor drei Jahren wuchs sich die Ablehnung zu einer Mobbing-Welle aus. Einige Schüler hätten sie mit Schmährufen begrüßt wie: „Da kommt die Lesbe!“ Sie hätten sie nach dem Unterricht verfolgt und an Wände geschrieben, dass sie lesbisch sei. Da vertraute sie sich der Schulleitung an. Gemeinsam beschloss man, das Privatleben der Lehrerin geheim zu halten.

Berichte wie diesen konnte man in der Neuköllner Werkstatt der Kulturen vergangene Woche mehrfach hören bei einer Tagung der Senatsverwaltung für Soziales zum Thema Homophobie und Einwanderung – ein heißes Eisen. Wie sich zeigte, sind die Grenzen zwischen der offenen Diskussion über Homosexuellenfeindlichkeit – gerade, aber nicht nur – unter Migranten und dem Vorwurf des Rassismus fließend. So gab es nicht nur von Vertretern mehrerer Migrantenverbände Einspruch, wenn sich Teilnehmer pauschale Urteile über „die“ Einwanderer oder deren Herkunftsländer erlaubten. Auch Wissenschaftler wie die Psychologin und Pädagogin María do Mar Castro Varela von der Alice-Salomon-Hochschule kritisieren „rassistische Erklärungsmuster“ und beklagen, dass „Diskriminierungs- und Migrationserfahrungen“ junger Migranten als Grund für homophobe Einstellungen zu wenig berücksichtigt würden.

Dennoch machte die Tagung deutlich, dass gerade in ärmeren und von Migranten aus arabischen Ländern, der Türkei oder Osteuropa geprägten Stadtvierteln noch viel Aufklärung nötig ist.

Was die Schule dabei leisten kann? Da gehen die Meinungen auseinander. „Laut Verordnung müsste sich jeder Schüler im Unterricht mit dem Thema beschäftigen – das ist aber nicht so“, sagt Ammo Recla von der Beratungsstelle „ABqueer“, die Projekte zu Homosexualität anbietet. Den Grund sehen Recla und andere darin, dass rassistische und andere Diskriminierungen zwar tabuisiert seien, homophobe aber weniger: „Da hat sich die Schule als Institution bisher verweigert.“

Kirstin Fussan von der Bildungsverwaltung erklärt das mit einer „gewissen Ohnmacht“. Es gebe seit Jahren Fortbildungsangebote – „die werden aber von den Lehrern nicht angenommen“. Handreichungen lägen ungenutzt in den Schulen.

Aus Sicht von Detlef Mücke von der Arbeitsgemeinschaft Schwule Lehrer der GEW ist das Problem eher bei der Verwaltung zu sehen, die „zum Jagen getragen werden muss“. Er selbst teilt übrigens die schlechten Erfahrungen der anfangs erwähnten Kollegin nicht. Er habe als Lehrer immer ohne Probleme über seine Homosexualität gesprochen. „Das ist gut, wenn Jugendliche eine Identifikationsfigur haben.“ Anfangs sei er nur als „der schwule Lehrer“ gesehen worden, dann hätten die Schüler gemerkt, dass er mehr zu bieten hat. Lars von Törne