Homosexualität und Kirche : Verständnis für Sünder

Nach der Lehre der katholischen Kirche ist praktizierte Homosexualität Sünde. Legitim ist nur die Sexualität in der Ehe zwischen Mann und Frau. Kardinal Rainer Maria Woelki sieht das ein bisschen anders - und provoziert die Hardliner in den eigenen Reihen.

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Steht zu seiner Meinung. Der Berliner Kardinal Woelki
Steht zu seiner Meinung. Der Berliner Kardinal WoelkiFoto: dapd

Beim Katholikentag in Mannheim vor einigen Wochen staunten viele über den Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki. Auf einem Podium bekannte er, dass homosexuelle Partnerschaften, wenn sie auf Treue und Verantwortung basierten, „ähnlich zu bewerten“ seien wie heterosexuelle Partnerschaften. Die katholische Lehre hält praktizierte Homosexualität per se für Sünde. Erzkonservative Kirchenkreise kritisierten Woelki entsprechend heftig für seine Äußerung.

In einem Interview in der heute erscheinenden Ausgabe der Wochenzeitung „Die Zeit“ bekräftigt Woelki seine Position jetzt noch einmal: Im Katechismus stehe, dass man sich hüten solle, homosexuell veranlagte Menschen in irgendeiner Weise ungerecht zurückzusetzen, sagt Woelki und fährt fort: „Wenn ich das ernst nehme, darf ich in homosexuellen Beziehungen nicht ausschließlich den ,Verstoß gegen das natürliche Gesetz‘ sehen, wie es der Katechismus formuliert.“

Er versuche wahrzunehmen, „dass da Menschen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, sich Treue versprochen haben und füreinander sorgen wollen“ – auch wenn er diesen Lebensentwurf nicht teilen könne und der Lebensentwurf, für den die katholische Kirche einstehe die sakramentale Ehe zwischen Mann und Frau sei.

Auch beim Umgang mit Menschen, die in zweiter Ehe leben und die in der katholischen Kirche nicht zum Abendmahl zugelassen sind, schlägt Woelki einen neuen Weg vor und erinnert an die Praxis in der orthodoxen Kirche. Auch die Orthodoxen halten an der Unauflöslichkeit der Ehe fest und erkennen allein die erste Ehe als kirchliche Ehe an. Aber eine Scheidung und eine zweite Eheschließung werde toleriert. Das erlaube unter bestimmten Bedingungen die Zulassung zu den Sakramenten wie dem Abendmahl, sagt Woelki. „Wir müssen einen Weg finden – ohne der Lehre Abbruch zu tun –, der Menschen leben lässt“, sagt der Berliner Kardinal.

„Ich bin begeistert“, kommentiert Wolfgang Klose Woelkis Vorstöße. Klose ist der Vorsitzende des Berliner Diözesanrates, der Vertretung der Berliner Katholiken. „Der Kardinal zeigt ein hohes Maß an Empathie für die Situation von Homosexuellen und Wiederverheirateten, die es in unserer Kirche ja nicht ganz einfach haben.“ Woelki denke positiv und wolle das Gute in den Menschen sehen.

„In dieser Haltung des wechselseitigen Wohlwollens können wir die Probleme und den Reformstau in unserer Kirche angehen. Mir scheint, mit Kardinal Woelki könnte noch Bewegung in so manche festgefahrene Frage kommen“, sagt Klose.

Dass Geschiedene, die in einer neuen Ehe ihr Glück gefunden haben, in der katholischen Kirche nicht zum Abendmahl gehen dürfen, dafür haben immer weniger Katholiken Verständnis. Im Erzbistum Freiburg haben mittlerweile über 200 Priester offen angekündigt, dass sie sich über die katholische Lehre hinwegsetzen werden. Auch in anderen süddeutschen Bistümern formiert sich Widerstand unter den Priestern. In Österreich haben über 300 katholische Priester zum „Ungehorsam“ aufgerufen.

Der Frage von „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, ob er Wiederverheirateten das Abendmahl gebe, weicht Kardinal Woelki im Interview aus: „In der Regel weiß ich nicht, in welcher Lebenssituation der Einzelne vor mir steht.“ Claudia Keller

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