Homosexuellen-Denkmal : Küssende Frauen statt küssender Männer

Das Homosexuellen-Denkmal in Tiergarten soll bald küssende Frauen statt Männer zeigen. Experten diskutieren darüber, ob das historisch korrekt ist.

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Der Film in der Skulptur wird alle zwei Jahre ausgetauscht.Foto: dpa

Wie wichtig ist historische Genauigkeit? Carsten Mayer, 38-jähriger Tourist aus Mannheim, zuckt mit den Schultern. Frauen findet er schöner als Männer. Und wenn sich zwei Frauen küssen, ist das doppelt schön. Mayer steht vor dem Berliner Denkmal zur Erinnerung an die von den Nazis verfolgten Homosexuellen im Tiergarten. Hier wird historische Genauigkeit gerade sehr ernst genommen.

In dem kleinen Fenster des rechteckigen Mahnmals ist eine sich immer wiederholende Filmszene zu sehen, in der sich zwei Männer küssen. Sie sollen an die während des Faschismus drangsalierten und ermordeten Schwulen erinnern. Weil das 2008 eingeweihte Mahnmal aber laut Gesetz neben einer Erinnerungsstätte auch ein Zeichen gegen anhaltende Diskriminierung von Schwulen und Lesben setzen soll, muss der Film alle zwei Jahre ausgetauscht werden.

Ab September werden sich dann zwei Frauen küssen – und das, obwohl Historiker keinen Beleg fanden, wonach eine Frau einzig wegen ihrer sexuellen Orientierung von den Nazis verfolgt worden wäre. Mit einem offenen Brief haben sich Wissenschaftler und Leiter der deutschen KZ-Gedenkstätten an den Kulturbeauftragten der Bundesregierung, Bernd Neumann (CDU), gewandt. Die Unterzeichner befürchten eine „Verzerrung und Verfälschung der Geschichte wie des Andenkens an die Verfolgten“ – nur wer historisch genau bleibe, schaffe ein glaubwürdiges Mahnmal. „Wohl ist es richtig, dass im Dritten Reich auch die Freiheitsrechte lesbischer Frauen beschnitten wurden“, heißt es in dem Brief. Doch darin „unterschied sich ihr Schicksal nicht von dem der großen Mehrheit der Deutschen, die nun unter den Bedingungen eines totalitären Regimes zu leben hatte.“ Während aber 10 000 Schwule in Lager verschleppt worden sind, „ist nicht ein einziger Fall einer lesbischen Frau historisch zu belegen, die aufgrund ihrer homosexuellen Veranlagung in die Verfolgungsmaschinerie der Nationalsozialisten geraten wäre.“

Kulturstaatsminister Neumann hat die Kritik zurückgewiesen. Der Austausch des bisherigen Filmmotivs mit zwei sich küssenden Männern durch eine lesbische Kussszene entspreche dem Votum von Bundestag, Denkmalinitiative sowie dem Lesben- und Schwulenverband Deutschlands. Deren Jury entscheidet in den kommenden Wochen über den neuen Film. Fünf Vorschläge sind in der engeren Auswahl, es wird wohl eine lesbische Kussszene werden, sagen Kenner.

„Ohne den Vorgang mit der DDR-Politik gleichzusetzen: Damals wurden vor allem Kommunisten als Opfer der Nazis hervorgehoben, zum Nachteil zahlreicher anderer Opfergruppen“, sagt Kritiker Alexander Zinn vom Internationalen Beirat der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Durch ein lesbisches Filmmotiv erfolge keine Gleichsetzung von homosexuellen Männern und Frauen in Hinsicht auf deren Verfolgung durch die Nazis, betonte Neumann. Wissenschaftlich sei Hetze gegen lesbische Frauen in vergleichbarer Form wie bei schwulen Männern nicht belegbar. Dennoch seien auch die Rechte von Lesben im NS-Staat eingeschränkt worden. Das sieht der Lesben- und Schwulenverband auch so: Das Mahnmal solle deshalb ein „lebendiges Denkmal“, also wandelbar sein.

Sonderbar findet Carsten Mayer, der Tourist aus Mannheim, die Debatte. Ihm sei eigentlich egal, welche Filmszene im Denkmalklotz gespielt wird. Wichtiger sei, dass so etwas wie vor zwei Wochen in Prenzlauer Berg verhindert werde. Vor einer Diskothek in der Sredzkistraße haben mutmaßliche Rechtsextreme lautstark ein paar Männer angepöbelt, ein Halbstarker faselte sogar von „vergasen“. Die Opfer hatten etwas gemeinsam: Sie waren schwul.

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