Honorarreform : Ärzte: Nachschlag für die Hungerleider

Berliner Ärzte verdienten bislang weniger als Kollegen im Bundesgebiet – als Gewinner der Honorarreform gibt es nun 30 Prozent mehr.

Sabine Beikler,Anna Sauerbrey

Der Traum eines jeden Gewerkschafters scheint für die Berliner Ärzte Realität geworden zu sein: Sie erhalten ein Drittel mehr Geld auf einen Schlag. Die kassenärztliche Bundesvereinigung hat hochgerechnet, wie sich die mit Jahresbeginn in Kraft getretene Honorarreform auswirken wird. Auf den ersten Blick sind die Berliner Ärzte die großen Gewinner. Insgesamt fließen in diesem Jahr 97 Millionen Euro zusätzlich in die kassenärztlichen Praxen. Im Bundesdurchschnitt erhalten die Ärzte 7,8 Prozent mehr Geld, die Berliner bekommen 32 Prozent mehr. Dabei hatten auch Berliner Ärzte heftig gegen die Reform protestiert.

Der hohe prozentuale Zuwachs erklärt sich vor allem dadurch, dass die Berliner Ärzte bislang am wenigsten Geld von den Kassen erhielten. Während ein Kassenarzt im bundesweiten Durchschnitt vor zwei Jahren 206 247 Euro Umsatz machte, waren es in Berlin 162 941 Euro. „Wir haben viel zu wenig Geld bekommen", sagte Uwe Kraffel, stellvertretender Vorstandvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin.

Grund dafür sind auch die Besonderheiten der Großstadt. Nach der alten Ordnung wurden ärztliche Leistungen nicht bundesweit und kassenübergreifend gleich vergütet. War das Budget einer Kasse gering, erhielten Ärzte, deren Patienten bei dieser Kasse versichert waren, weniger Honorar. In Berlin, einer Stadt mit vielen sozial schwachen und häufiger kranken Bürgern, war dies oft der Fall. Mit der Honorarreform wurde die Diskrepanz zwischen Berlin und anderen Ländern ausgeglichen. „Damit sind Ungerechtigkeiten in der Vergütung beseitigt worden“, sagte Regina Kneiding, Sprecherin der Gesundheitsverwaltung.

Nicht alle Berliner Ärzte aber profitieren gleichermaßen von der neuen Regelung. Während die bislang besonders schlecht bezahlten Psychotherapeuten und Neurologen in Zukunft mehr verdienen, müssen die Orthopäden Einbußen hinnehmen. Sie gehörten bislang zu den Spitzenverdienern unter den Ärzten. „In meiner Praxis rechne ich mit Umsatzeinbußen von 15 Prozent für die Basisversorgung“, sagte Helmut Mälzer, Vorstandsvorsitzender des Landesverbandes der Orthopäden und Unfallchirurgen. Der gesundheitspolitische Sprecher der Linken, Wolfgang Albers, kann die Klagen der Fachärzte nicht verstehen. „Das ist Jammern auf hohem Niveau“, sagte der gelernte Chirurg. Wichtig sei die Reform aber für die Hausärzte, die bislang zu wenig verdient hätten.

Doch auch nach der Reform sind einige Allgemeinärzte unzufrieden. Die Hausärztin K. betreibt seit 1992 eine Praxis in Steglitz. Sie möchte ihren Namen nicht nennen. Durch die höheren Honorare würde sie statt rund 30 Euro pro Quartal pro Patient etwa 40 Euro bekommen. Nach Abzug aller Kosten für Praxis und Personal habe sie einen Jahresverdienst vor Steuer zwischen 70 000 und 75 000 Euro. Die Budgetierung von Arztpraxen, das Regelleistungsvolumen, sei nicht ausreichend angepasst. Wer das Budget überschreitet, also mehr Patienten behandelt, bekommt die Leistungen nicht voll vergütet. Frau K. behandelt 1000 Patienten pro Quartal, die Vergütung erhält sie nur für knapp die Hälfte.

„Für die Krankenkassen bedeutet die Honorarsteigerung keine zusätzliche Belastung", sagte Martin Plass, Pressesprecher der DAK Ost, die in Berlin 230 000 Menschen versichert. Die Honorarsteigerung sei bereits in die Berechnungen zum Gesundheitsfonds eingeflossen. Und darin zahlten letztlich auch die Patienten ein, wie auch ein AOK-Sprecher betonte.

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