Berlin : Hopfen und Malz beim Bier verloren

Annette Kögel

Oskar ist fein raus. Der Bayer in Berlin mag nämlich kein Warsteiner. "Ist mir zu herb", grantelt der Kneipengast. Im Glas vor ihm schäumt Berliner Kindl. Deswegen lassen die aktuellen Warsteiner-Tests zumindest den Gast in der Pinte an der Tiergartener Bülowstraße kalt: Tester haben den Zapfern in 22 Lokalen der Stadt auf den Hahn geschaut. Das Ergebnis: In jedem zehnten vermeintlichen Glas Warsteiner war kein Warsteiner drin. Branchenkenner schätzen, dass es sich bei rund 20 Prozent aller in der Gastronomie ausgeschenkten angeblichen Marken-Getränke tatsächlich um auf dem Graumarkt beschaffte Billig-Biere handelt. Die Lebensmittel-Aufsichtsämter werden ab heute wohl noch mehr zu tun bekommen - damit Hopfen und Malz beim Bier nicht verloren sind.

"Mich hat stutzig gemacht, dass uns in letzter Zeit vermehrt Leute nach leeren Fässern gefragt haben", sagt Wolfgang Jalowietzki, seit 37 Jahren Expedient beim Großhändler Fritz Preuss Bier Import GmbH in Neukölln, einem der führenden Händler der Stadt. Sogar Geld wurde schon geboten, "das lässt tief blicken". Wer wie der 61-Jährige ein alter Hase in der Branche ist, weiß, wie das teilweise läuft. "Da gibt es Bier-Verleger, die fahren mit leeren Fässern zu kleineren Brauereien in 200, 300 Kilometer Umkreis von Berlin und kaufen dort günstig ein." Kein Büro, kein Lager, kein Personal - die Betriebskosten sind gering, und dementsprechend preiswert können solche Anbieter an Gastronomen verkaufen. Die Laster fahren die Gaststätten zumeist nachts ab, wenn die Konkurrenz schläft.

Wie sich die Ersparnis beim Einkauf niederschlägt? Blättern wir in alten fiktiven Bestellzetteln mit "Köpi". In der "Köpi"-Brauerei zahlte solch ein Vertriebs-Unternehmen für 50 Liter Bier 90 Mark, vom Kneipier kann er dann dafür etwa 125 Mark verlangen. Bezieht der Gastronom das Getränk direkt bei der "Köpi"-Brauerei, muss er rund 175 Mark bezahlen. Noch größer wird die Ersparnis - für die von der schlechten Wirtschaftslage betroffenen - Kneipiers, wenn sie No-Name-Bier für um die 60 Mark einkaufen - und es dann als "Köpi" deklarieren.

Solche Praktiken seien in "20 bis 25 Prozent" der Kneipen üblich, schätzt Jalowietzki - und liegt so auf einer Linie mit dem Geschäftsführer des Verbandes der Gastronomiegetränkefachgroßhändler Berlin-Brandenburg, Michael Geisler. Er gab an, dass Gastwirte 20 bis 30 Prozent des Bieres auf unseriöse Weise auf dem so genannten Graumarkt beschaffen und dem Gast gegenüber auch falsch deklarieren.

Arbeit also für die bezirklichen Lebensmittelaufsichtsämter, seit 1. Januar 2001 für Schank-Kontrollen zuständig. Für die Überprüfung von Weinausschank, sagte der Sprecher des Landesamtes für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit, Robert Rath, am Sonntag, gebe es in Berlin übrigens nur zwei Mitarbeiter - sie sind mittlerweile dem Veterinäramt Chalottenburg-Wilmersdorf angeschlossen.

Dort, wo Warsteiner drauf steht, muss auch Warsteiner drin sein - diese Auffassung teilt auch Wolfgang Jalowietzki. Gegen Einkäufe bei Billig-Brauereien und gegen den Ausschank von No-Name-Bier sprechen außerdem auch die Abnahme-Verträge der Gastronomen mit der Brauerei, die die Gaststätte finanzierte. Mitunter brächten Kneipiers diesen Firmen gegenüber die Ausrede vor, sie würden weniger Umsatz machen, tatsächlich bestellen sie aber das günstigere Getränk beim Billig-Vertreiber. Die Fässer werden im Keller versteckt - davon hat die Wirtin in der Kneipe an der Bülowstraße auch schon gehört. Bei ihr sei aber alles original. Einen Trost für getäuschte Markengenießer hat die Frau immerhin parat: "Bier aus einer kleinen Privatbrauerei schmeckt ja manchmal besser als aus einer Großbrauerei."

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