Berlin : Hoppla!

Brigitte Grunert über die Sprache der Politiker

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Es bleibe „durchwachsen“, sagte der Nachrichtensprecher im Rundfunk, als er beim Wetterbericht angelangt war. Danke für die Eselsbrücke, funkte mein Gehirn, du musst noch durchwachsenen Speck kaufen. Doch wie war das mit dem Wetter? Keine Ahnung, beim Stichwort durchwachsen war ich abgelenkt. Dann hörte ich im Autoradio die Stimme aus einem anderen Sender: „Am Wochenende bleibt das Wetter unbeständig mit kurzen Aufheiterungen.“ Aha, da ist man nicht irritiert und hört nicht weg. Man ist im Bilde.

Nichts gegen die Umgangssprache, aus der originelle Metaphern immer in die Hochsprache eingesickert sind und einsickern werden. Nur taugen hingesagte Sparwitze nicht für sachliche Mitteilungen und fundierte Urteile. Das Verhältnis zwischen den Politikern X und Y ist durchwachsen. Was bitte ist eine irre, durchwachsene, coole oder total geile Politik? „Bei uns ist die Stimmung mehr als durchwachsen“, meinte eine SPDFrau nach den Wahlniederlagen ihrer Partei. Magerer Speck ist durchwachsen, durchwachsene Koteletts sind fett.

Die Simplifizierung treibt armselige Blüten. „Können wir bald nur noch muh und mäh sagen?“, fragte Christoph Stölzl, Vizepräsident des Abgeordnetenhauses, dieser Tage die Gäste seiner Talkshow. Die Verarmung der Sprache war das heiß diskutierte Thema. Richtig, wer sich verständlich machen will, muss schon seinen Verstand bemühen. Sonst kann man sich kaum verständigen.

Auch die Grammatik dient der Klarheit. Dazu brauchen wir sie. Heutzutage tun manche die Grammatik als Zwangskorsett ab, was ein Irrtum ist. „Hätten sich die Parteien nicht geeinigt, wäre das Gesetz nicht mehr vor der Sommerpause beschlossen worden und hätte nicht pünktlich zum 1. Januar 2005 in Kraft treten können“, las ich. Hoppla. Wer das behauptet hat, war der Zeit weit voraus. Wir sind doch erst im Juli 2004. Außerdem war dieses Gesetz (über die Zusammenlegung der Arbeitslosen- und Sozialhilfe) noch gar nicht beschlossen; der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat hatte sich geeinigt. Allerdings könnte das Gesetz ohne die Einigung und die inzwischen erfolgte Zustimmung im Bundestag nicht zum 1. Januar 2005 in Kraft treten.

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