Berlin : Horita Wolf (Geb. 1924)

Mit zwölf hilft sie in der Kneipe aus, spült und serviert Molle und Korn

Erik Steffen

Wenn am 18. September ihre Urne der Ostsee übergeben wird, schließt sich der Kreis. Evita, ihre Tochter, und die anderen Trauergäste werden danach in der Spielbank Warnemünde nochmal ihre Glückszahl versuchen: „Die Sechs, die muss man setzen, wat is det Leben ohne Sex?“, war einer ihrer Sprüche. Vielleicht werden sie gewinnen. Vielleicht auch nicht. Horita kannte beides, im Leben und in der Liebe. Sie hatte einen ungewöhnlichen Vornamen, der eigentlich Horatia, nach der Tochter von Admiral Nelson und Lady Hamilton, lauten sollte, was jedoch der Standesbeamte nicht so richtig schreiben konnte. Denn er hatte mit Horitas Vater, dem Wirt vom „Dreimädelhaus“, ein, zwei Bier zu viel getrunken.

Im „Dreimädelhaus“, einer gutgehenden Kneipe in Berlin-Karow, wächst sie mit zwei Schwestern auf. Die Schule ist nicht ihre Welt. Aufsatz genügend, Berliner Schnauze sehr gut. Schon mit zwölf hilft sie in der Kneipe aus, spült und serviert Molle und Korn. Als Ausgleich für die ungesunde Kneipenluft nimmt ihr Vater sie mit nach Swinemünde: Schiffe gucken, Seeluft schnuppern, Kakao trinken auf dem Kreuzfahrtschiff „Wilhelm Gustloff“, das ein paar Jahre später mit tausenden von Flüchtlingen in den Tiefen der Ostsee versinken wird.

Sie ist 17, als sie zum Kriegsdienst eingezogen wird, als Telefonistin. Als ein Offizier sie zufällig Klavier spielen sieht, entscheidet er, dass sie mit ihren flinken Händen Nachrichtenhelferin werden muss. Zur Ausbildung kommt sie nach Gießen, Werneuchen und verbringt eine kurze Zeit auf Schloss Beervelde in Belgien; keine schlimme Zeit für sie, vom Grauen des Krieges bekommt sie hier nicht viel mit. Die Mutter hat dennoch große Angst, ihre Tochter könnte an die Ostfront versetzt werden. Sie drängt sie zur Heirat mit einem verwitweten, 16 Jahre älteren Wehrmachtsoffizier. Er hat eine Tochter, um die sie sich kümmern soll – ein Argument gegen den Kriegseinsatz. An ihrem 20. Geburtstag ist alles schon wieder Geschichte, die Ehe gescheitert. Das Kriegsende erlebt sie in München – und sie will zurück nach Berlin, koste es, was es wolle. Zu Fuß macht sie sich auf den Marsch durch die Trümmer, inmitten der Massen Versprengter und Verzweifelter, die ihre Heimat verloren haben. Sie verzweifelt nicht, sie hat ein Ziel.

Berlin: Die Innenstadt ist eine Ruinenlandschaft, aber am Stadtrand gibt es Hoffnung für Horita. Im Dezember 1946 eröffnet sie im Alter von 22 Jahren ihre erste eigene Gaststätte, das „Jägerheim“ in Blankenburg. Schwarzmarkt, Dünnbier und Alkolat bestimmen das Getränkeangebot. „Am Busen war’n die begehrten Zigaretten, / so wurde ich Wirtin, da könnt ihr wetten. / Kein Beruf und kein Geld, / da wurde die Gastronomie wieder meine Welt“, dichtet sie Jahre später.

Sie lernt ihre große Liebe Georg kennen, einen blendend aussehenden Lebemann. Natürlich in der Kneipe. Zwei Jahre später wird Mario geboren, der kurz vor seinem dritten Geburtstag bei einem Unfall ums Leben kommt. Eine lebenslange Wunde. Horita will Abstand gewinnen, die Ehe kriselt, und sie geht 1952 als Saisonkraft auf die Insel Usedom. Georg folgt ihr, sie verschafft ihm eine Arbeit auf der Insel.

Als sie wieder in Berlin ist, geht sie zu ihrer Ärztin, weil sie meint, das viele Aal- essen sei ihr nicht bekommen. Es ist aber Evita, die sich ankündigt und im April 1953 auf die Welt kommt, benannt nach der glamourösen argentinischen Diktatorengattin. Solche Eingebungen hat ihr „Schorsch“, dafür liebt sie ihn. In der Ehe laufen die Dinge dennoch nicht so gut. Es soll einen Neuanfang im Westen geben. Der scheitert, da Georg nirgendwo ankommt, außer bei den Frauen und am Tresen. Arbeit, Familie – geschenkt. 1958 lässt Horita sich scheiden.

Sie ist mit der kleinen Tochter jetzt allein und findet nur mit Mühe Wohnung und Job. Sie arbeitet in der Kantine des Bausenats und trifft dort den zwanzig Jahre älteren Horst wieder, der vor vielen Jahren mit ihrer Tante verbandelt war. Er bringt drei Töchter mit, eine davon von ihm, die Mütter tot. Sie heiraten 1961, eine Patchwork-Familie in Tegel. Irgendwie funktioniert das, auch wenn die Kinder oft gehänselt werden, weil sie alle unterschiedliche Nachnamen tragen. Horita arbeitet als Serviererin in Cafés, als Verkäuferin im KaDeWe. So kann die Familie sich was leisten, zum Beispiel eine Reise nach Italien in den Sommerferien 1961. Während die Kinder am Strand spielen, wird in Berlin die Mauer gebaut. Sie haben große Angst, nicht mehr in die Heimatstadt zu kommen, die jetzt Insel ist. Aber irgendwie schaffen sie auch das.

1971 sind bis auf Evita alle Mädchen aus dem Haus. Horita und Horst eröffnen eine kleine Familienpension in der Fasanenstraße, die „Pension Heide“, zehn Zimmer mit Frühstück, Gäste aus aller Welt. Richard von Weizsäcker steigt 1974 hier ab und verewigt sich im Gästebuch. Mutter Wolf, wie Horita nun genannt wird, hält den Laden in Schwung. Kein Gast wird abgewiesen, zur Not stellt sie ihr Zimmer zur Verfügung und schläft im Büro.

Im April 1980 erfüllt sie sich noch einen lang gehegten Traum. Nach langen und teuren Umbauarbeiten eröffnet sie die „Kamin-Weinstuben“, drei Häuser neben der Pension. Zwei Gasthäuser, ein Mann, der inzwischen über siebzig ist: Auch wenn Evita hilft, es ist zu viel. Zuerst wird die Pension verkauft und später auch die Weinstube.

Dafür erlebt Horitas Privatleben eine entscheidende Bereicherung. Anfang der Achtziger lernt sie beim Tanzen einen 14 Jahre jüngeren Mann kennen, der ihr Liebhaber wird, 20 Jahre lang. Sie nennt ihn „Professor Müll“, weil er Ingenieur ist und auf der ganzen Welt Müllanlagen baut. Liebestreffen in Amsterdam, London oder Paris – kleine Fluchten. Horst toleriert die Beziehung, sie verlässt ihn nicht. Auch der Liebhaber ist verheiratet.

Ruhe gönnt sich Horita im Alter nicht, sie engagiert sich ehrenamtlich in der Hotel- und Gaststätten-Innung, wird Bezirksmeisterin, organisiert Stammtische, Dampferfahrten und Reisen für Gastronomen, bringt Menschen zusammen, steht gern im Mittelpunkt. Auf Feiern hat sie eine Kapitänsmütze auf und verpackt ihre Liebeserklärungen an Berlin, die Gastronomie und das Leben in launigen Versen. Für ihr Engagement erhält sie 1997 die Bürgermedaille vom Bezirk Charlottenburg. Als Horst 1994 stirbt, entdeckt sie das Reisen wieder, am liebsten per Schiff, eine Kreuzfahrt zum Nordkap, mit der „Queen“ zum Siebzigsten nach New York oder auch sehr gerne Urlaub an der Ostsee, in Begleitung von Evita. Die vieles finanziert, weil ihre Mutter wenig aus ihrem arbeitsreichen Leben hinübernehmen konnte.

Auf Usedom will sie der Tochter zeigen, auf welcher Düne diese gezeugt wurde. Aber sie findet sie nicht mehr: „War wohl ’ne Wanderdüne.“

2002 dann der Krebs. Nach der Operation verzichtet sie auf Chemotherapie und Bestrahlung. Und auf den Liebhaber. Die Sechs ist nur noch Glückszahl. Der Arzt gibt ihr noch zwei Jahre. „Die nehme ich mit“, sagt sie und lebt mit den Begleiterscheinungen und Hilfsmitteln, mal laut und oft leise. Jeder Geburtstag der Krankheit abgerungen, ein Ausrufezeichen. Zum Achtzigsten gibt es mit 65 Freunden ein großes Fest im Hotel „Neptun“ in Warnemünde. Die letzte Fahrt geht per Flussschiff zum Fünfundachtzigsten nach Holland und Belgien, es gibt einen Stopp in Gent, und Evita organisiert einen Besuch in Beervelde, wo sie im Krieg war. Der Graf holt die Damen ab und erläutert schon im Auto, dass sein Vater das Schloss hat abreißen lassen. Was vorbei ist, ist vorbei.

Zurück in Berlin macht sie Pläne für eine große Feier zum 25-jährigen Jubiläum ihres Stammtischs. Das steht im Sommer 2011 an. Dann im Juni ein Hirninfarkt, rechte Seite gelähmt, Sprache weg, Verstehen fraglich. Horita ohne Sprache? Nicht vorstellbar. Sie wird zum Pflegefall, sie versucht, sich der Ernährungssonde zu entledigen, mit der Hand signalisiert sie Evita: „Lasst es sein!“ Sie will so ein Leben nicht.

In den letzten Tagen machen auch die Hände keine Mitteilungen mehr, und sie schläft friedlich ein. Die Sargfeier im Juli hat alle Wegbegleiter noch einmal zusammengebracht. Respektvoll gedenken sie eines Lebens, in dem es mehr als um alles andere um die Gastlichkeit ging. Im August veranstalten ihre Stammtischfreunde eine Horita-Gedenkdampferfahrt. 100 Freunde und Bekannte fahren mit. Diese Abschiede hätten ihr gefallen. Der letzte steht noch aus. Wenn der Wind nicht zu stark ist. Erik Steffen

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