Berlin : Horst Baeder-Bederski (Geb. 1927)

Seine eigenen Zähne zog er sich selbst.

Gesine Palmer

Ein erfolgreicher, gut aussehender Herr mit dem klangvollen Namen Dr. Horst William Bäder-Bederski, ein Mann, der gern lebte. Freilich meistens allein. In seinen letzten Jahren gab es nur eine wirklich Vertraute, die Einzige, die er noch in seine Wohnung an der Bundesallee hereinließ. Sie durfte ihm so nah treten, weil er wusste, dass sie ihm nie zu nah treten würde. Und er konnte sich auf sie verlassen; sie war da, wenn er sie brauchte.

Über viele Jahre hat er als Arzt anderen Menschen in den Mund geschaut, auf den Zahn gefühlt, Zähne gezogen, Zähne repariert. Dass das jemand bei ihm tun würde, in seinem Mund – das war ihm unheimlich. Seine eigenen Zähne zog er sich selbst.

Geboren wurde er in Berlin. Deutsche Jungen seines Alters wurden gegen Ende des Krieges noch Soldaten. Er war 17. Als er 18 war, war der Krieg vorbei, und er hatte ein Projektil im Rücken. Mit wem sollte er über das reden, was er erlebt und getan hatte? Was er mit den Namen Kurland, Gralmüritz verband, wer weiß das schon, wer wollte es wissen? Wenn die Freundin ihn später fragte, ob er da nicht noch einmal hinfahren wollte, sagte er: „Wer soll denn da noch sein?“

Er machte Andeutungen, dass er aus dem herausfahrenden Zug Dresden hatte brennen sehen, zum Beispiel.

Nach dem Krieg arbeitete er hier und da, im Bergbau, auf Friedhöfen, in Parks. Zahnmedizin studierte er in Rostock. Da lernte er seine Frau kennen, die auch Zahnärztin wurde. 1960 war Hochzeit, und ein Kind kam zur Welt. Aber eine Familie wurde nicht daraus. Geredet hat er später auch darüber wenig, kaum jemandem war bekannt, dass er überhaupt verheiratet war. Manche wissen immerhin dies: 1961, als die Grenze geschlossen wurde, waren Mann und Frau in West-Berlin, die Tochter in Rostock. Die Frau fuhr zum Kind, er blieb.

Wie sehr die Erinnerung, das Versäumnis, der Verlust ihn berührten, als seine Frau 1979 starb – das erzählte nicht er seiner Tochter, sondern die Freundin. Sie erzählte ihr auch, dass das Leben des Vaters, bei aller Familienferne, schön war.

Horst Bäder-Bederski vergrub sich nach der Trennung von Frau und Kind in die Arbeit und hatte großen Erfolg. Als er die Praxis schloss, bedauerten das viele Patienten. Er selbst schien die Arbeit nicht zu vermissen: Er ging aus, besuchte Vernissagen, erwarb auch Bilder. Er hatte seine klare Vorstellung von dem, was schön war. Schön war nicht nur die Kunst, schön war es auch, ins Café Kranzler oder ins Café Möhring einzukehren, schön war es, essen zu gehen, er mochte die gute altdeutsche Küche, schön war es, selbst zu kochen, gepflegt zu rauchen, schön war überhaupt alles, was einen regelmäßigen Ablauf hatte. Er fotografierte viel auf seinen Reisen und zu Hause, Dinge und Menschen. Schöner als der Anblick der Männer war ihm der Anblick schöner Frauen. Er war gesellig und charmant, die Frauen mochten ihn. Aber den Wunsch, mit einer das Leben zu teilen, den hatte er wohl einfach nicht.

Später zog es ihn auch immer weniger aus dem Haus, er wurde dünner, er wurde schwächer. Er mochte sich die Menschen immer weniger zumuten.

Selbst die Vertrauteste, die wusste, wie schwer es ihm fiel, eine Hose zu kaufen, und welchen Ärger er in seiner Wohnung hatte, die, die ihm auch mal etwas raten durfte, musste sich immer anmelden. Dann hatte er, wenn sie kam, alles hübsch vorbereitet zum Kaffeetrinken, und es war gut.

In der letzten Zeit räumte er anders auf, er wollte immer mehr wegwerfen, man musste ihn aufhalten, denn er sollte doch noch in seiner Wohnung leben, da brauchte er ja seine Sachen noch.

Irgendwann konnte er nicht mehr aufstehen. Die Freundin half ihm ins Krankenhaus, besuchte ihn. Er drückte, als er schon nicht mehr sprechen konnte, ihre Hand ganz fest. Bevor er einschlief, sah er in ihr Gesicht. Er wusste, sie würde auch für die Zeit nach dem Ende alles ordentlich und schön machen. Gesine Palmer

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