Berlin : Horst Milde: Mister Marathon läuft Cross

Sie waren beim Berlin-Marathon wieder nur als Zuschauer dabei? Sie haben sich vorgenommen, endlich ins Lauftraining einzusteigen? Dann folgen Sie einfach unseren Routen. Prominente Läufer – Profis und Laien – verraten, wo joggen in Berlin am schönsten ist

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Vergessen Sie den Marathon. Das klingt vielleicht etwas merkwürdig von einem, der den BerlinMarathon organisiert. Aber ich meine das durchaus ernst. Bevor man sich mit dem Gedanken beschäftigt, 42 Kilometer am Stück zu rennen, muss man sich hunderte Male aus dem Bett oder aus dem Fernsehsessel gequält haben. Ich bin den Marathon acht Mal gelaufen, unter anderem in New York (2x), Boston, Wien, London, Honolulu, Kopenhagen und Stockholm. Allerdings eher aus beruflichem Interesse: Man muss ja wissen, was die anderen Veranstalter machen. Die leihen sich von uns auch die ein oder andere Idee. Die New Yorker zum Beispiel empfangen die Läuferinnen im Ziel mit einer Rose. Das haben sie in Berlin gesehen.

Ich war früher Mittelstreckenläufer, am besten über 800 Meter, aber leider doch nur in der zweiten Reihe, hinter so großartigen Athleten wie Norpoth, Kemper und Tümmler. Die ließen ja damals ganz Europa hinter sich. Meine Bestzeiten lief ich in der Staffel, über 3x1000 Meter waren wir mit dem SCC Deutscher Meister. Überhaupt war ich immer im Team am stärksten. Das ist bis heute auch so geblieben – in der Organisation.

Aber meine Leidenschaft gehört dem Cross, dem Laufen quer durch den Wald, über Baumwurzeln, durch tiefen Sand und auch mal steil bergauf. Gerade im Herbst, wenn ich um sieben Uhr durch die Morgendämmerung laufe, sehen die Wege so frisch gepflügt aus, als hätte man die Borstentiere bei der Arbeit gestört und sie versteckten sich hinter dem nächsten Busch.

Vor 40 Jahren haben wir mit der FU Berlin den ersten Cross-Lauf in Berlin organisiert, direkt am Teufelsberg. Dort hatten die Briten ihren Panzerübungsplatz und sie haben uns eine ideale Laufstrecke zusammengewühlt. Das Gelände war so zerpflügt, wie man es sich für einen Querfeldeinlauf nur wünschen konnte. Am 9. November 1964 kamen dann tatsächlich 750 Läufer zusammen.

Zwei Jahre später organisierten wir das so genannte Volks-Gehen, dann 1967 den Volkslauf, schließlich 1971 das Volkswandern – alles riesige Erfolge. 1974 schließlich kam der Marathon, der damals von unserem Stadion in Eichkamp über zwei Runden an der Avus entlang zum Strandbad Wannsee und wieder zurück führte. Wer hätte gedacht, dass aus dem Feld von 286 Startern eines Tages eine Heerschar von fast 40000 werden würde?

Aber ich gestehe: Mir gefällt das Rennen durch die freie Natur viel besser, als nur auf der Straße ständig Kilometer zu schrubben, mit exakt bemessenen Tempo-Intervallen. Im Wald werden Körper und Psyche ganz anders gefordert, weil die Sicherheit des Wie-auf-Schienen-Laufens fehlt. Aber ich habe das Gefühl, die Knochen und Sehnen gewöhnen sich an den unsicheren Untergrund, die Muskulatur wird abwechslungsreicher trainiert. Der Fuß entwickelt im Gelände eine sehr viel feinere Tretkultur, er weiß zu unterscheiden, wie er wo aufsetzen muss. Die Wunderathleten aus Kenia sind übrigens alle gelernte Cross-Läufer. Zu Hause in Afrika haben sie kaum geteerte Straßen, auf denen sie laufen können und erst recht keine feinen Tartanbahnen.

Außerdem passieren immer wieder lustige Dinge. Einmal rasten kurz nach demStart des Crosslaufs 1975, der auf einer großen Wiese gestartet wurde, alle1000 Läufer wieder aus dem Wald heraus. Irgend ein Scherzbold hatte ihnen gesagt, es habe einen Fehlstart gegeben und alle müssten zurück. Uns blieb nichts anderes übrig, als das Rennen noch einmal zu starten.

In den siebziger Jahren hatten wir bis zu 3750 Cross-Läufer am Start, heute dagegen ist das Interesse daran leider geringer. Ob beim Cross oder in anderen Disziplinen, es hat kaum ein Jugendlicher noch Lust, sich den Strapazen eines Trainings zu unterziehen. Sehr gut entwickelt sich dagegen der Breitensport. Ich laufe gern in allen Grünanlagen und Wäldern der Stadt. Neulich war ich in der Wuhlheide, die mit ihren breiten Wegen ideal ist für ruhige Regenerationsläufe. Zwischen dem Schwimmbad und der Bahnlinie kann man auch mal ins Unterholz abbiegen, wenn dort nicht gerade die Winter-Triathleten vom SC Grünau mit ihren Mountainbikes durch den Matsch toben.

Bei meinen Läufen – jeden zweiten Tag, am liebsten früh am Morgen – fällt auf, dass das Walking besonders bei Frauen immer populärer wird und auch das Nordic Walking, das von großem gesundheitlichen Wert ist, kommt immer mehr in Mode. Walking ist ein idealer Weg, wenn man irgendwann mit dem Laufen beginnen will. Wenn jemand immer weiter walken möchte, ist das auch in Ordnung. Hauptsache, man bewegt sich überhaupt. Es muss ja nicht immer Marathon sein.

Aufgezeichnet von Hajo Schumacher

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