Berlin : Horst Schildhauer (Geb. 1946)

Er beschloss, die Zumutung Leben noch einmal auf sich zu nehmen

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Der Witwer sitzt an einem Café- Tisch in Steglitz, froh, von seinem Liebsten berichten zu können, dessen Leben alles andere war als langweilig und vorhersagbar.

Horst Schildhauer wurde in Dessau als jüngstes von sechs Kindern geboren. Seine Mutter starb während seiner Geburt. Auch seinen Vater hat er nie kennengelernt, zumindest nicht den leiblichen. Sein offizieller Vater, der Ehemann seiner Mutter, beschloss, den Kleinen, der in rasantem Tempo wuchs, zu seiner Großmutter in die Altmark zu geben.

Bei ihr lebte Horst zehn Jahre lang, dann starb die alte Dame. Er kam im selben Dorf zur Familie eines Cousins, Onkel und Tante wurden zum Elternersatz. Was Horst aus dieser Zeit mitnahm in die großen Städte, waren schöne Erinnerung und eine tiefe Verbundenheit mit der Natur.

Umgraben blieb Zeit seines Lebens eine seiner liebsten Beschäftigungen. Kein Vorgarten, der vor ihm sicher war, Freunde mit Kartoffelacker hatten in Horst einen zuverlässigen Pflüger. „Bin eben eine Dorfjacke“, sagte er. Wer ihm eine Freude machen wollte, schenkte ihm Blumen.

Horst war immer ein bisschen zu groß für sein Alter und immer auch ein bisschen zu vernünftig. Einer, der nicht aneckte bei den Erwachsenen. Und gerne Lehrer werden wollte.

Wer ihm das verboten hat, ist nicht bekannt. Nur, dass es ein Verbot gab.

Wenn ihn, den großen, vernünftigen, elternlosen Jungen doch einmal etwas beugte, dann so stark, dass es ihn mit beängstigender Endgültigkeit niederwarf. Ein Versuch, sich aus dem Leben zu verabschieden, schlug fehl.

Aus dieser Krise tauchte Horst als gelernter Oberkellner im Bahnhofshotel in Stendal wieder auf. Dort bediente er eine Sängerin, die sich augenblicklich in ihn verliebte, Ehemann und Töchterlein zum Trotz. Bald zog er zu ihr nach Magdeburg, bald war ihre Scheidung durch, bald waren sie vermählt. Bald war Horst Vater einer angenommenen Tochter und eines leiblichen Sohnes.

Das Geld verdiente er jetzt im dreistöckigen Restaurant und Tanzlokal „Stadt Prag“, berühmt und berüchtigt bei Nachtschwärmern aller Art. Bardamen, Gäste, Kollegen, alle mochten den Mann, der sich für kein Späßchen zu schade war und trotzdem arbeitete, wie eben nur eine Dorfjacke zu arbeiten vermag. Er brachte es zum stellvertretenden Geschäftsführer, schleppte Geld und Kisten voller Apfelsinen nach Hause, spaßte mit seinen Kindern, bedachte seine Frau mit Blumen. Vielleicht auch in der Hoffnung, dass die Blumen hinwegduften sollten über das, was er vor ihr zu verbergen suchte.

Es ging gut, eine Weile, länger als eine Weile, Jahre. Sohn und Tochter hingen an ihm, Gäste und Kollegen ebenso.

Dann kam die Wende. McDonald’s kaufte „Stadt Prag“ und bot Fortbildungen im Boulettenbraten und Hütchentragen an. Horst lehnte ab und wurde wie die meisten seiner Kollegen entlassen.

Er heuerte an als Handelsvertreter für eine westdeutsche Brauerei, die sich nach Brandenburg ausdehnen wollte. Horst baute in Supermärkten Stände auf, klapperte Biergärten und Gaststätten ab, fand wie immer viele neue Sympathien. Doch kapitulierte die Brauerei nach einiger Zeit vor der Biertreue der Brandenburger und entließ ihre Soldaten.

Auch Horsts Ehe war fadenscheinig geworden. Seine Frau ahnte, was die Nächte, in denen er nicht bei ihr war, verdecken sollten.

Und wieder wusste er nicht weiter. Wog ihm das Leben zu schwer, warf es ihn nieder. Seine Frau fand ihn. Wochenlang lag er im Koma. Sein Sehfeld war fortan wegen des Blutverlustes eingeschränkt.

So fand sich der große, schöne, gesellige Mann, die tüchtige Dorfjacke, allein in einer kleinen Magdeburger Wohnung wieder. Und beschloss, die Zumutung Leben noch einmal auf sich zu nehmen.

Die Damen von der Arbeitsvermittlung sammelten für ihn die ausgelesenen Fachzeitschriften des Hotel- und Gastronomie-Gewerbes. In einem dieser Hefte entdeckte Horst die Anzeige, die seinem Leben neuen Schwung verleihen sollte: R. aus West-Berlin, gerade zurückgekehrt aus Spanien, suchte einen Partner zur Eröffnung einer gemeinsamen Gaststätte. „Partner“ war durchaus zweideutig gemeint.

Horst schickte sofort einen Brief. Der Ton, das beigelegte Foto – R. schrieb ebenso postwendend zurück.

Dann kam der Tag, an dem R. Horst am Bahnhof Wannsee abholen sollte. Der Zug hatte Verspätung. Es wurde Mitternacht. Etwas bange vor dem Unbekannten, den er um diese Uhrzeit nicht wieder nach Hause schicken konnte, stand R. am Bahnsteig. Und wusste bei der Begrüßung sofort: Der ist es. Diese Augen. Gütige Augen.

Wenig später eröffneten sie in einer Ladenpassage an der Osdorfer Straße in Lichterfelde die Gaststätte „Hopfen und Malz“. R., der viele Jahre erfolgreich in Spanien Restaurants betrieben hatte, stellte zur Eröffnung eine Tapas-Bar auf. Dazu Gin Tonic – und Bier, alles gratis. Der Laden dampfte. Unberührt blieben der Gin und die Tapas. Da wussten sie: Wir haben einen Fehler gemacht. Hier war kein feines Lichterfelde-Publikum. Hier wollte man Bier trinken. Viel Bier. Billiges Bier. Dazwischen vielleicht eine Boulette.

Sie bekamen es ein wenig mit der Angst. Kampfhundbesitzer. Eine alte Dame im Gebüsch, niedergestreckt mit einer Flasche Eierlikör. Ein ehemaliger Fremdenlegionär. Und dazwischen sie, das schwule Paar mit den Tapas.

Doch Horst hatte die Lage im Griff. Seine Größe, die körperliche wie die charakterliche, verschaffte ihm Respekt. Nie um einen Spruch verlegen, immer freundlich und zupackend. Statt fernzubleiben begann manch einer, sich leise an der Theke zu erkundigen: „Wie is’n das so bei euch?“ Und biss tapfer in die eingelegten Sardellen.

Es blieb dabei: Der Laden dampfte. Und dennoch die Nachricht der Steuerprüferin: viel zu tief im Minus. Wo nur billiges Bier gekauft wird, sollte man auch nichts als billiges Bier ausschenken. Horst und sein Liebster hatten zu große Portionen verteilt, zu hohe Qualität geboten.

In einer einzigen Nacht packten sie alles zusammen und verschwanden. Wurden zu einem Traum, der im Nachhinein unwirklich scheint in der Einkaufspassage an der Osdorfer Straße.

Zurück nach Spanien, bat R. Und Horst fuhr mit an die Costa del Sol. Sie fanden schöne, große Räume. Die vornehmlich englischen Gäste lagen Horst zu Füßen. Er aber ärgerte sich: „Ich kann doch gar kein Englisch! Zu Hause bin ich da, wo ich verstanden werde.“ Zudem lag das Restaurant ungünstig in einer kleinen Nebenstraße, die man nicht verpassen durfte, wenn man nicht direkt auf der Autobahn landen wollte. Nach einem Jahr traten sie die Heimreise an. Nach Lichterfelde-West diesmal. Kein Restaurant mehr. Das verbliebene Geld ausgeben. Miteinander glücklich sein. Heiraten.

Als das Geld verbraucht war, ging Horst wieder zum Arbeitsamt. Er fand einen Job als Service-Kraft in einem Fitnesscenter. Wurde schlecht behandelt, bekam seinen Lohn nicht ausgezahlt. Schließlich fragte ihn eine Dame vom Amt, ob er mit seiner zuvorkommenden Art nicht im Altenheim arbeiten wolle, ehrenamtlich zunächst.

Horst wollte. Er hielt Händchen, scherzte, machte Komplimente, schob durch den Steglitzer Stadtpark. Kein altes Damenherz, das er nicht sein Eigen nennen durfte. Die Angehörigen begannen, ihn dafür zu bezahlen, sechs Euro die Stunde.

Und plötzlich hatte er wieder eine prall gefüllte Woche. Dazwischen Reisen, Konzertbesuche, Abende mit den vielen gemeinsamen Bekannten. Horst wirkte glücklich.

Bis ihn eines Abends jemand auf sein geschwollenes Auge hinwies. Ein Tumor. Gutartig zwar, aber dennoch eine schwierige Operation. R. bekam Angst. „Hast du jetzt manchmal wieder so Gedanken?“, fragte er Horst. Aber Horst schien sein Leben, so wie es war, zu gefallen. Er wollte darum kämpfen.

Als die Augenoperation überstanden war, dauerte es nicht lange, bis ein anderer Arzt Krebs feststellte, fortgeschrittenes Stadium, unheilbar. Wieder fragte R. ängstlich nach. Wieder sagte Horst, dass er leben wolle. Unterbrochen von Operationen und Behandlungen schob er weiter seine Alten durch den Park, scherzte mit ihnen, verwöhnte sie. Er reiste, er ging aus, er liebte R.

Seinen letzten Atem sparte Horst für seine Tochter. 15 Jahre lang hatte sie keinen Kontakt zu ihm gewollt, nun wurde sie dem Sterbenden angekündigt. Und er wartete, bis sie da war. „Ich möchte in die warme, griechische Erde“, hatte er einst gebeten. Seine Asche soll nun unter einem Olivenbaum auf Kreta beigesetzt werden. Anne Jelena Schulte

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