Hotel Adlon : Der diplomatische Dienst

Garderobiere zu sein ist mehr als Mäntel abzunehmen. Ingrid Dudak ist die freundliche Empfangsdame

Christian van Lessen

Sie ist die erste Frau im Adlon. Gleich hinterm Eingang steht sie, auf der linken Seite. Begrüßt die Besucher freundlich, fragt, ob sie Garderobe abnehmen darf. „Die Gäste bekommen hier den ersten Kontakt zum Hotel“, sagt sie. „ Es ist ganz wichtig, wie ich die Gäste empfange.“ Sie macht sozusagen den guten Eindruck.

Ingrid Dudak weiß, dass das Abnehmen von Jacken und Mänteln nicht das Wichtigste an ihrem Job ist. Es geht um die Art der Begrüßung: persönlich soll sie sein. Es geht um ein freundliches Gesicht. Um das Feingefühl zu wissen, ob da vielleicht ein schwieriger Gast an der Schwelle steht. Wer eintritt, soll merken, dass alles getan wird, damit er sich in dieser Atmosphäre wohlfühlen kann.

„Ich muss ein wenig Diplomat sein“, sagt sie. Weil manche Gäste gleich beim Eintritt erstaunt oder gar grimmig gucken, weil sie ihre Garderobe gar nicht abgeben wollen, sondern sich nur umschauen möchten, wie das berühmte Adlon von innen aussieht. Dann sagt Ingrid Dudak freundlich, dass die Visite in der Lobbybar willkommen ist, dass hier gern Platz genommen und bestellt werden darf, dass ab 15 Uhr Klavier gespielt wird, dass aber leider ein größerer Rundgang mit Fotoapparat und Kamera nicht so gern gesehen wird. Promis ablichten wollen, das geht nicht. „Da halte ich die Augen drauf.“

Es sind gütige Augen. Die Stammgäste kennen sie. Seit zehn Jahren schon stellt Ingrid Dudak im Adlon den ersten Kontakt her. An Michael Gorbatschow, öfter Gast im Haus, erinnert sie sich besonders gern. Sie begrüßt ihn bei seiner ersten Visite auf Russisch, wünscht ihm einen angenehmen Aufenthalt, was ihn völlig überrascht. „Oh, wo kommen Sie her?“, fragt er. Als er seinen Mantel abholt, verabschiedet er sich lange und herzlich. Das hat sich mehrmals wiederholt. Man kennt sich. Auch mit Vaclav Havel hat sie sich länger unterhalten, ihn in der Muttersprache begrüßt. „Das sind wirklich besonders schöne Augenblicke“, sagt sie gerührt.

Ingrid Dudak stammt aus Bratislawa, Slowakei, früher Tchechoslowakei. Sie hat dort studiert, Fremdenverkehr, Hotel- und Gaststättengewerbe. Als sie nach Deutschland geht, stellt sich heraus, dass ihr Diplom nicht anerkannt wird. Vielleicht hätte sie in ihrer Heimat irgendwann Hoteldirektorin werden können, hier aber geht das nicht. Ingrid Dudak hadert nicht, und als das neu eröffnete Adlon eine Putzfrau sucht, bewirbt sie sich. Hotel ist Hotel, sagt sie. Aber die Leute vom Adlon meinen, sie könnten ihr auch was anderes bieten: Garderobiere. Sie ist gleich einverstanden und hat es bis heute nicht bereut. An ihr kommt im Adlon wirklich keiner vorbei, es sei denn, sie hat gerade Feierabend, und Kolleginnen stehen an der Garderobe. Für rund 400 Kleidungsstücke ist hier Platz, in einem separaten Raum hinter der Garderobierenloge. Es könnten und müssen auch wegen der vielenVeranstaltungen bis zu 1000 Textilien auf zusätzlichen Kleidungsständern aufgehängt werden. Dann müssen die Frauen zu dritt schwer schuften. Ingrid Dudak zeigt auf Schultern, Arme. Sie ist eine recht zierliche Frau, und schwere Wintersachen gehen ganz schön an die Gelenke. Aber die Garderobe im Hintergrund ist eben nur eine Seite der Medaille, die andere ist der dezente Blick auf den Eingang des Adlon.

Die Zeit ist vorbei, als ganze Busladungen das Adlon als Sehenswürdigkeit stürmen und nach kurzem Fotorundgang verlassen. Ingrid Dudak hat das noch vor Augen: Hotelgäste beschweren sich, verbergen ihre Gesichter hinter Zeitungen.

Garderobe abzugeben kostet nichts, aber der Service wird gern belohnt. Darf die Fachfrau etwas über die Eleganz der Kunden sagen? Sie ziert sich. Am besten gekleidet seien die russischen Frauen, sagt sie zögernd. Aber auch die Italienerinnen und die Spanierinnen. Und die Deutschen? Sie lächelt nur. Sie ist eben Diplomatin.

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