HOTEL ADLON : Ein Leben wie ein Geschichtsbuch

Das Hotel Adlon feierte seinen Geburtstag mit Gleichaltrigen – und lud Hundertjährige zur Kaffeetafel

Christoph Stollowsky

„Was wollen Sie wissen?“ Margarete Wöller gestikuliert und lacht wie eine sehr jung gebliebene 80-Jährige, nippt am Sektkelch, streicht sich durch die frisch gelegten Haare und kommt sogleich auf ihre Wohnung zu sprechen. „Ob ich noch alleine lebe? Ob ich mich selbst versorge? Aber natürlich.“ In einem Appartement in Südende ist Margarete Wöller zu Hause. Nun lässt sie ein Stückchen Erdbeertorte wie ein Bonbon auf der Zunge zergehen, wippt ein bisschen im Walzertakt des Salonorchesters vorne auf der Bühne und genießt diesen einzigartigen Augenblick ihres langen Lebens: Sie ist eine von insgesamt 91 exakt 100 Jahre alten Berlinerinnen und Berlinern, die gestern zur Kaffeetafel ins Hotel Adlon eingeladen waren, um den 100. Geburtstag des Hotels zu feiern.

Am 24. Oktober 1907 eröffnete Lorenz Adlon das wohl populärste Berliner Hotel am Pariser Platz. Am gestrigen Nachmittag umsorgten dort nun schwarz livrierte Kellner den nahezu komplett erschienenen Jahrgang 1907, balancierten silberne Tortentabletts zu den mit Rosenblättern geschmückten Tischen im Adlon-Palais und begrüßten die Gäste, 75 Frauen und 16 Männer. Ein kurzer Blick auf die Einladungsliste mit den typischen Namen der damaligen Zeit von Franz und Willi bis zu Erna und Grete bestätigte die These, dass das weibliche Geschlecht die höhere Lebenserwartung hat. Das Adlon hatte sie alle über die Bezirke eingeladen und war überrascht von der Resonanz. Jeder Bezirk meldete bis zu 15 Gäste. Das fiel nicht schwer, denn insgesamt leben in Berlin rund 900 Menschen im Alter von 100 bis 110 Jahren.

Viele der genau Hundertjährigen wurden gestern von ihren bald 70-jährigen Kindern oder 40-jährigen Enkeln im Rollstuhl geschoben, andere schritten ihren Begleitern voraus und gaben routiniert Interviews. Die Medien standen so zahlreich Spalier wie am roten Berlinale-Teppich. Denn vermutlich hat es seit 1907 keine derartige Veranstaltung mit so vielen Stars gegeben, die alle die eins mit zwei Nullen geschafft haben.

Hatten sie irgendwann gehofft, ein solch biblisches Alter zu erreichen? „Eigentlich nicht“, sagt Eva Schreiber, genannt Evchen, und faltet die Hände bescheiden auf ihrem kirschroten Jackett. Seit 1923 lebt sie in Berlin, hat Familie, arbeitete jahrzehntelang als Schuhverkäuferin. Ein Lächeln verjüngt die mit Rouge gepuderten Wangen. „Deshalb ließ ich mir zum Hundertsten am 18. Mai nochmal mein Lieblingschanson vorsingen: ,Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin’“.

Hinter ihr wird Arthur Kroll in den Saal geschoben. Seit 1945 Zimmermann, seit den Siebzigern Rentner und lange Zeit so rüstig, dass er mit 90 zu Verwandten in die USA flog. Walter Greifeldt ist der nächste. Krawatte, weißes Spitzentuch im Anzug. „Mit 17“, sagt er, „hab ich die Riesenwelle am Reck geschafft, bis heute bin ich Hertha-Fan“. Der Sport und sein Optimismus, vermutet er, hätten ihm sein langes Leben beschert. „Ein Leben wie ein Geschichtsbuch“, ruft Hannah Merke, die zugehört hat. „Denn bedenken Sie mal, als wir Kinder waren, kam der erste Weltkrieg“. „War früher alles besser?“ will ein TV-Reporter von der Frau im schneeweißen Hosenanzug wissen. Hannah Merke schüttelt den Kopf. „Meine besten Jahre hat mir dieser Adolf genommen. Das sagt doch alles!“Christoph Stollowsky

Kaiser Wilhelm II. war bei der Eröffnung 1907 beeindruckt: fließend warm Wasser und Elektrizität in allen Zimmern! Zum runden Geburtstag lud das Luxushotel andere Hundertjährige ein – zum Beispiel Walter Greifeldt (Foto unten).

Im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurde das Traditionshaus am Brandenburger Tor vor zehn Jahren wiedereröffnet. Tsp

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