Berlin : Hotel Henriette: Kiffen auf den Zimmern ist verboten

Alex Krämer

Morten Nannerup hat noch keine Ahnung, was auf ihn zukommt. Er ist Empfangschef im Hotel Henriette in Mitte, das in der Nähe des Märkischen Museums liegt. Ein ruhiges Haus, die Empfangshalle ist mit Marmor und dunklem Holz ausgestattet, die Zimmer wirken gediegen. Stille liegt über den Gängen. Doch Ende letzter Woche hat die in München ansässige Geschäftsführung entschieden, dass das Haus Ende Februar für ein Wochenende besetzt werden soll. Und mit "besetzt" meinen sie auch besetzt. Von Altachtundsechzigern.

Nannerup kennt das Image der ehemaligen Steinewerfer allenfalls aus der Presse. Er ist erst Mitte Zwanzig. Keine Ahnung, wen er da am 23. Februar zu erwarten hat. Ausgedacht hat sich den Gag mit der Hotelbesetzung Max Michael Schlereth aus der Geschäftsführung der Derag-Hotelkette, zu der das Haus in Mitte gehört. Auch er ist erst 28 und kennt die Studentenproteste nur als geschichtliches Ereignis.

Letzte Woche, bei einer der Fernsehdiskussionen über die Vergangenheit der Minister Fischer und Trittin, kam ihm der Gedanke. "Das soll auch ein Dankeschön an diese Generation sein. Ich profitiere schließlich von den Veränderungen, die damals ihren Anfang fanden", sagt Max-Michael Schlereth. Außerdem sind Januar und Februar ohnehin eine schlechte Zeit im Hotelgewerbe. Für das fragliche Wochenende lagen kaum Reservierungen vor.

Das Wort "Besetzung" aber ist bei dieser Aktion nicht wörtlich zu nehmen. Es handelt sich eher um eine Einladung, die Protestler werden sich den Zugang zum Hotel nicht erkämpfen müssen. Polizeieinsätze sind nicht zu erwarten. Normalerweise kostet ein Doppelzimmer hier 355 Mark. Die Altachtundsechziger werden zwei Tage kostenlos wohnen, inklusive Begrüßungscocktail und Abendessen.

Schlereth hat immerhin eine Vorstellung von seinen potenziellen Gästen: in Ehren ergraute Professoren eher als langhaarige Jimi-Hendrix-Kopien. "Die haben damals ja alle studiert, die meisten dürften jetzt ganz respektable Mitglieder der Gesellschaft sein." Bis jetzt gibt es zwanzig Anmeldungen, und die sprechen durchaus für diese These: Gebucht haben Anwälte, Zahnärzte, ein Schriftsteller.

Als Achtundsechziger gilt im Hotel Henriette, wer vor 1950 geboren ist. "Zu alt sollten die Leute allerdings auch nicht sein, Jahrgang 1930 wäre unglaubwürdig", sagt Schlereth. Als Beweis für die einst rebellische Einstellung wäre zumindest ein Foto mit langen Haaren nicht schlecht, sagt er. Bis jetzt haben die Bewerber ausreichend Belege eingereicht. Eine Frau hat sogar eine Collage aus Zeitungsartikeln geschickt. In den Artikeln ist sie als Demonstrantin genannt. 25 Zimmer sind im Moment noch frei. Wenn sich zu viele bewerben, wird gelost. Protest-Prominenz fehlt bisher auf der Gästeliste - auch wenn Hotelmanager Schereth sich Joschka Fischer als Ehrengast wünschen würde.

Was genau an dem Nostalgie-Wochenende passieren soll, ob das Hotel dann im Revolten-Look dekoriert wird oder Mao-Bibeln auf den Nachttischen liegen - noch weiß es keiner, weder in München noch in Berlin. Allzu weit sollte die Rückbesinnung aber nicht gehen: "Kiffen im Hotel ist auf alle Fälle verboten", sagt Max Michael Schlereth. Er kann sich eher eine Stadtrundfahrt zu Schauplätzen von Studentendemonstrationen vorstellen. Und er hofft darauf, dass sich Vieles von selber ergibt. "Wenn sich ein paar alte WG-Genossen treffen, das wäre natürlich toll."

In Berlin warten die Angestellten des Residenzhotels Henriette noch auf nähere Informationen aus München. In zweieinhalb Wochen sollen sie schließlich schon anreisen, die Altachtungsechziger. "Es wird auf alle Fälle außergewöhnlich", tröstet sich Morten Nannerup. Bloß wie, das wüsste er auch gerne.

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