Berlin : Hotels: Kissenschlacht um Rucksacktouristen

Annekatrin Looss

Während sich die Bewohner Ostdeutschlands schon die Augen reiben, schläft man auf westdeutscher Seite noch tief und fest: zwölf Uhr mittags im Deutschlandzimmer des BaxPax-Hostels in Kreuzberg. Wer die Welt bereist, will lange schlafen. Im Juni 2000 eröffnet, ist das BaxPax inzwischen das zweite Backpacker-Hostel Ante Zelcks in Berlin. 60 Betten stehen in den neun Zimmern, die nach europäischen Ländern benannt sind. "Ich habe 1994 das erste Hotel für Rucksackreisende in Berlin eröffnet", behauptet der ehemalige Sozialarbeiter Zelck. Inzwischen ist er längst nicht mehr allein. Über ein Dutzend weitere Häuser gibt es, und fast wöchentlich kommen neue hinzu. Bald eröffnen neue Häuser am Rosenthaler Platz und an der Jannowitzbrücke.

Berlin wird bei jungen Rucksacktouristen immer beliebter. Besonders Briten, Amerikaner und Italiener zieht es in die Stadt ohne Sperrstunde, sagt Natascha Kompatzki von der Berlin-Tourismus-Marketing Während sich die Italiener vor allem für Lifestyle, Architektur und das Nachtleben interessieren, machen sich Briten lieber auf die Spuren der Berliner Geschichte, sagt Kompatzki. Viele Amerikaner erwarteten das typische Berlin der 20er Jahre erwarten, ergänzt sie. Überrascht bestaunten sie dann das neue Berlin und träten die Heimreise mit dem Eindruck "different but beautiful" wieder an.

Kein Wunder also, wenn die Backpackerhostels von Juni bis September komplett ausgebucht sind. "Wir verkaufen ein Lebensgefühl", sagt Zelck. In den Globetrotter-Herbergen benehmen sich die Reisenden wie Mitglieder einer Großfamilie, die in den Hostels ein vorübergehendes Heim hat. Man spricht Englisch und reist mit kleinem Gepäck durch die Welt um andere Städte, vor allem aber andere Leute kennen zu lernen. So verwundert es nicht, dass man die Hostels vor allem in den Szenenbezirken Prenzlauer Berg, Mitte, Friedrichshain und Kreuzberg findet. Eine Übernachtung kostet zwischen 24 und 90 Mark, je nachdem, ob Einzelzimmer, Doppelzimmern oder Schlafsaal übernachtet wird. Und für Frühstück und Check-out können sich die Gäste bis 12 Uhr Zeit lassen. Vor dem Geschrei und Gedränge von Schulklassen ist man in einem Backpackerhostel übrigens sicher - zumindest in der Hauptsaison. "Danach buchen wir auch manchmal Schülergruppen, aber nur bis zu zehn Personen, um wirtschaftlich überleben zu können", sagt Zelck.

Doch nicht jede Unterkunft, die sich Backpacker-Hostel nennt, ist tatsächlich auch eins, warnt Zelck. Viele Hotelbetreiber und Campingplatzbesitzer wollten jetzt auf der Backpackerwelle mitschwimmen. Zur Not werde umgetauft. Was früher "Jugenddorf" hieß, nenne sich jetzt "Backpackers Paradise". Auch das "A & O Backpackers" in Friedrichshain ist eher auf Schulklassen, ausgerichtet. Der Küchenraum erinnert an den Essenssaal eines Schullandheims, die Zimmer unterscheiden sich kaum von denen in anderen Jugendherbergen. Bald will Betreiber Oliver Winter die Zahl von 164 Betten auf 600 aufstocken.

Doch wählerisch ist man auch hier. "An Bauarbeiter vermieten wir nicht. Und stundenweise sind unsere Zimmer auch nicht zu haben", erklärt Winter. Entsprechende Anfragen habe es tatsächlich gegeben. Auch habe man schon zwei Leute vor die Tür gesetzt. Bei denen hatten die Putzfrauen Spritzbestecke gefunden. Wer von einem Hostel vor die Tür gesetzt wird, hat es schwer in einem anderen unterzukommen. "Wir warnen anderen Hostels vor", sagt Winter. "Mit Namen und Personenbeschreibung. Solche Leute will niemand haben."

Auch sonst arbeiten die Besitzer der Berliner Backpacker-Unterkünfte gut zusammen. "Leute, die bei uns nicht unterkommen, versuchen wir an andere Hostels zu vermitteln", erklärt Winter. Jetzt planen die Berliner Hostelbesitzer eine gemeinsame Website, auf der freie Plätze erscheinen werden. Auf neue Wettbewerber reagieren die meisten Hostelbesitzer gelassen: Berlin ist im Moment so gefragt, dass alle ihre freie Betten los werden.

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