Howard Griffith : Sturz in den Orchestergraben wurde zum Glücksfall

Das Staatsorchester Frankfurt (Oder) will seinen Chefdirigenten Howard Griffith unbedingt behalten. Auch der Bürgermeister ist sein Fan.

Frederik Hanssen
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In seinem Element. Howard Griffith wurde durch Zufall Dirigent. Foto: Tobias Tanzyna

Frankfurt (Oder)Am Opernhaus Zürich erzählt man sich noch heute die Anekdote von der zersplitterten Bratsche: Dabei ist es schon ein Vierteljahrhundert her, dass bei einer Aufführung der „Fledermaus" ein Darsteller von der Bühne in den Orchestergraben stürzte, und zwar direkt auf Howard Griffith. Wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Der robuste Sänger stand nach 20 Minuten wieder oben und brachte den Abend zu Ende. Als der Schlussapplaus verklungen war, begann Howard Griffith die weiträumig verteilten Splitter seines Instruments zusammenzusuchen. Das war der Moment, wo er beschloss, den Beruf des Musikers aufzugeben und Dirigent zu werden.

Nicht nur, weil der Kapellmeister in der Oper weit genug vom Bühnenrand entfernt steht, um bei eventuellen Betriebsunfällen nicht in Mitleidenschaft gezogen zu werden, sondern vor allem, weil er schon lange eine unbändige Lust verspürte, das musikalische Geschehen selber bestimmen zu können. Seit zweieinhalb Jahren ist der Brite nun der „Bestimmer" beim Staatsorchester Frankfurt (Oder) – und er macht seine Sache so gut, dass die Musiker wie auch der Bürgermeister unbedingt seinen bis zum Sommer 2010 laufenden Vertrag verlängern wollen.

Begonnen hat alles mit einer merkwürdigen Kettenreaktion von Zufällen, die manche Menschen „Schicksal" nennen. Beim Studium am Londoner Royal College of Music lernte der 21-jährige Howard Griffith eine bezaubernde türkische Kommilitonin kennen, heiratete sie und ging mit ihr nach Ankara, wo beide eine Anstellung als Bratschisten im Opernhaus fanden. Weil er der einzige Ausländer im Orchester war, kam eines Tages ein Diplomat auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht Lust habe, für eine Laien-Theatertruppe, die sich aus den Mitarbeitern der westlichen Botschaften rekrutierte, eine Operette zu leiten. Griffith sagt zu, ein englischer Maestro, der gerade in Ankara weilt, hört ihn, erkennt die Begabung des jungen Mannes und empfiehlt ihn für ein Stipendium des British Council. Nach einem Sommerkurs für Dirigenten in seiner Heimat vertauscht er in der Türkei dann immer häufiger den Bratschen-Bogen mit dem Taktstock – und hätte wohl auch eine solide Kapellmeister-Karriere in Ankara gemacht, wenn es 1980 nicht zum Putsch gekommen wäre.

Aus Angst um den kleinen Sohn Kevin zieht Griffith mit der Familie in die Schweiz um. Seine Frau findet eine Festanstellung am Zürcher Opernhaus, er steigt auf Teilzeitbasis ein, führt ein Leben zwischen dem Brotberuf als Musiker und seiner Passion fürs Dirigieren – bis ihm der Kollege auf den Kopf fällt. 1996 übernimmt Griffith seine erste Chefposition beim Züricher Kammerorchester.

Seine erste Begegnung mit Frankfurt war wieder so ein glücklicher Zufall: Die Anfrage aus Brandenburg kam äußerst kurzfristig. Zuerst wollte er absagen, fuhr dann aber doch an die Oder – und verstand sich auf Anhieb mit den Musikern. Dass gerade die Stelle des Musikchefs frei war, wusste er gar nicht. Ehe er sich''s versah, wurde ihm der Job angetragen.

Als Chef des Brandenburgischen Staatsorchesters fühlt sich Howard Griffith übrigens für das ganze, dünn besiedelte Flächenland zuständig. Darum absolvieren die Frankfurter Musiker nicht nur ihre regelmäßigen Gastspiele im Potsdamer Nikolaisaal, sondern tingeln auch über die Dörfer, treten in Fürstenwalde, Wildau, Ludwigsfelde, Seelow oder – am 12. April – in Neuruppin auf. Wer ganz viel Glück hat, der erlebt sogar ein Konzert, das der Chef selber moderiert – mit jener wunderbaren Mischung aus englischem Humor und mitreißender Leidenschaft für die Kompositionen, die seine Musiker immer wieder zu Höchstleistungen anspornt. Frederik Hanssen

Das Staatsorchester Frankfurt und Howard Griffith sind am 29. März im Nikolaisaal Potsdam mit Werken aus Barock und Klassik sowie von türkischen Komponisten zu erleben.

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