Berlin : Hürden fürs Leben

Studierende und Schüler demonstrieren für ein Bildungssystem, das Chancen öffnet statt sie zu verbauen.

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Politische Malstunde. Die Initiatoren der Gruppe „Was bildet ihr uns ein“ bereiten ihr Demo-Transparent vor. Susanne Julia Czaja, Ali Hotait, Rainald Manthe, Bettina Malter haben rund 2500 E-Mails an Abgeordnete des Bundestages, der Landtage und des EU-Parlaments geschickt, um für ihre Forderungen zu werben. Foto: Björn Kietzmann
Politische Malstunde. Die Initiatoren der Gruppe „Was bildet ihr uns ein“ bereiten ihr Demo-Transparent vor. Susanne Julia Czaja,...Foto: Björn Kietzmann

Weil Susanne Julia Czaja Rechtsanwältin werden will, macht sie in der 9. Klasse ein Praktikum beim Amtsgericht. Sie macht es gut, also bietet man ihr am Ende eine Ausbildung an, zur Rechtsanwaltsgehilfin. Ein Jurastudium ist für die Realschülerin aus Nordrhein-Westfalen offensichtlich nicht vorstellbar. Die Eltern sind stolz, aber für Czaja ist es ein Schlag ins Gesicht, sie sucht den Fehler bei sich. „Mensch, ich bin nicht gut genug für das Gymnasium“, habe sie sich immer wieder gesagt, erinnert sich die heute 26-Jährige.

Gemeinsam mit der Gruppe „Was bildet ihr uns ein?“ ruft sie heute, zum Tag der Internationalen Katastrophenvorbeugung, zu einer Demo für ein gerechteres Bildungssystem auf. Rund 50 Studierende, Promovierende und Schüler, großteils aus Berlin, wollen einen Hürdenlauf aufbauen, der die Hindernisse für Kinder und Jugendliche verdeutlicht. Dazu zählt die Gruppe etwa das mehrgliedrige Schulsystem, veraltete Unterrichtsformen und intransparente Bewerbungsverfahren. Am Freitag wurden etwa 2500 E-Mails an alle Landtags-, Bundestags-, und deutsche Europaparlamentsabgeordneten verschickt. Das deutsche Bildungssystem sei ein Hürdenmarathon, heißt es darin, nur schwer könne jemand die für ihn vorgesehene Laufbahn verlassen. Vertreter aller Fraktionen sind aufgerufen mit den jungen Menschen in Dialog zu treten. „Wer hört einem als Schüler denn zu?“ fragt die Studentin und Mitinitiatorin Bettina Malter. Auf ihrem Blog will die Gruppe gemeinsam Positiv- und Negativbeispiele diskutieren.

Susanne Czaja arbeitet heute nicht als Anwältin, sondern in der Schulentwicklungsforschung an der Freien Universität Berlin. Es gebe keine empirisch belegte Begründung dafür, Kinder zwischen vierter und sechster Klasse unterschiedlichen Schulformen zuzuordnen. Die Empfehlung sei stark gekoppelt ans Elternhaus. Ihren polnischen Eltern wurde abgeraten, die Tochter aufs Gymnasium zu schicken. Sie könnten sie nicht genügend unterstützen, so die Befürchtung der Lehrer. Erst in der Oberstufe an einer Gesamtschule habe sie von Lehrern Zuspruch und Feedback bekommen und sich gedacht: „Jetzt erst recht“.

„Man kommt nicht rein“, meint Ali Hotait. Überall werde differenziert, von dieser Einteilung käme man dann nicht mehr weg. Der 35-jährige Berliner promoviert über Wirtschaftsverhandlungen. Mit dem Fachhochschul-Master sei es schwer gewesen, einen Doktorvater zu finden. Schon davor war die Studienauswahl beschränkt. „Mein Fachabitur bleibt ein Abitur zweiter Klasse“, sagt Hotait. Dass er überhaupt Fachabitur gemacht hat, verdanke er seinem älteren Bruder, der ihn eines Tages mit in eine Mensa genommen hat. Hotait war damals um die 20 Jahre alt und arbeitete im Schichtdienst im Blaumann in einer Stanzerei. Der Ausflug habe ihm gezeigt, wie das Leben aussehen kann, sagt er. Eine andere Option als Berufsausbildung hätte er in seiner Hauptschule „wie mit Scheuklappen“ nie gesehen. Katharina Ludwig

Unter dem Motto „Stoppt die Bildungskatastrophe!“ demonstriert die Gruppe am heutigen Sonnabend von 11 bis 14 Uhr auf dem Pariser Platz. Auf dem Blog www.wasbildetihrunsein.de werden Beispiele aus dem Bildungssystem diskutiert und Unterschriften gesammelt.

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