Berlin : Hürriyet hält Peggys Mörder für unschuldig

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

Eine Zeitungsüberschrift am Dienstag in in der vergangenen Woche in Deutschland: „Peggy ist tot. Verschleppt, geschändet, erwürgt.“ Denken Sie nicht, dass dies die Schlagzeile der türkischen Tageszeitung Hürriyet war. Das war die Schlagzeile der Bild-Zeitung am Dienstag. Am Tag zuvor hatte die Polizei in Hof/Saale erklärt, dass sie den Fall des im Mai 2001 verschwundenen Mädchens aufgeklärt habe. Ein Mann sei festgenommen worden, aber nähere Einzelheiten wolle man erst am Dienstag sagen, hieß es. Da wusste Bild schon, dass der Mann Ulvi K. war. Die Boulevardzeitung zeigte ein Foto von ihm mit der Überschrift: „Peggys Killer“. Ausgerechnet die Zeitung, die als türkisches Pendant der Bild gehandelt wird, blieb jedoch so vorsichtig, wie die seriösesten Gazetten in diesem Land: „Wurde Peggy ermordet?“ fragte sie in einer für ihre Verhältnisse klein bebilderten Nachricht auf der Titelseite der Europa-Beilage am Dienstag. Der Fall stünde kurz vor der Aufklärung. In dem dazugehörigen Bericht aus München wurde jedoch klar, warum diese Nachricht nicht zum Aufmacher der Titelseite am Dienstag wurde: „Wie zu erfahren war, wurde gegen einen Mann namens Ulf K. Haftbefehl erlassen“, begann der Text.

Am Mittwoch berichteten dann alle Medien, dass der geistig behinderte 24-jährige Ulvi K., der aus der Nachbarschaft des Mädchens stammt, den Mord gestanden habe. Außerdem habe er bei seiner Vernehmung erzählt, dass sein Vater die Leiche des Mädchens versteckt habe. Die Hürriyet brachte ihre eigene Berichtigung. „Es wurde erklärt, dass Ulvi K., der einen türkischen Vater und eine deutsche Mutter hat, den Mord gestanden hat“, hieß es dieses Mal korrekt. Das Schicksal des Mädchens kam jetzt auf die Titelseite mit der Überschrift: „Peggy wurde von ihrem türkischen Nachbarn ermordet.“ Am Donnerstag schlachtete die Hürriyet die Gesichte dann richtig für sich aus. Erdal K. habe zusammen mit seinem Anwalt eine Pressekonferenz gegeben. Die Überschrift auf der Titelseite zu dieser Nachricht war ein Zitat des türkischen Vaters: „Mein Sohn ist zum Sündenbock gemacht worden.“ Auf der ersten Seite der Europa-Beilage im Innenteil zeigte die Zeitung ein Bild von Ulvi K., Peggy und den beiden Vätern: „Der Schmerz der Väter“, titelte das Blatt dazu. Der Vater von Peggy habe gesagt, er wolle Beweise, dass Ulvi K. die Tat begangen habe. Die Bild-Zeitung indes war an diesem Tag auf einer ganz anderen Fährte: „Warum tut er das Peggys Mutter an? Warum erzählt er nicht, wo die Leiche ist?“ Am Freitag ging es in der Hürriyet schließlich nur noch um die Aussagen der beiden Väter: „Glaubt ihr etwa einem Verrückten?“, fragte die Zeitung mit großen Buchstaben auf der ersten Seite der Europa-Beilage, so als wolle sie die Ehre des türkischen Landmannes retten.

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