Berlin : Hürriyets Kampagne gegen das Kopftuch

Suzan Gülfirat

GAZETELER RÜCKBLICK

Die Festnahme Saddam Husseins vor mehr als einer Woche war in den türkischen Zeitungen bei weitem das wichtigste Thema. Der irakische Diktator hatte in der Türkei kaum Freunde, so dass sich auch die türkischen Zeitungen erleichtert zeigten. Interessanter war darum die Anti-Kopftuch-Kampagne in der Tageszeitung Hürriyet, die seit knapp zehn Tagen läuft. „Großartige Einheit“, lautete die Überschrift am gestrigen Sonntag. Das Blatt zeigte ein großes Foto der SPD-Bundestagsabgeordneten Lale Akgün und vier kleinere Bilder von anderen türkischstämmigen Mitstreiterinnen, die sich gegen Kopftücher im öffentlichen Dienst ausgesprochen haben. Denn sowohl die Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz (Grüne) als auch die Berliner Abgeordneten Dilek Kolat (SPD), Ülker Radziwill (SPD) und Evrim Baba (PDS) haben Lale Akgün ihre Solidarität erklärt. Wegen der großen Resonanz werde die Kampagne noch weitergehen, kündigte die Deutschland-Zentrale der Hürriyet in Mörfelden- Walldorf an. Seit Tagen druckt die Zeitung lange Listen mit Namen und Statements aus ganz Deutschland – darunter nur wenige, die sich für Kopftücher im öffentlichen Dienst aussprechen.

Eine Besonderheit fällt auf: Es geht auch um die Wickeltechnik. „Wir sind vehement gegen den Turban (…). Er ist kein Kulturgut, sondern wird als politisches Symbol benutzt“, heißt es in der Hürriyet. Viele Türken sehen zwischen Frauen, die ihr Tuch einfach unter dem Kinn zusammenknoten, und Frauen, die ihr Tuch turbanähnlich um ihr Haupt wickeln, einen Unterschied. Die letztgenannten binden ihre Haare erst mit einem schwarzen Tuch fest zusammen, bevor sie ein größeres Tuch herumwickeln. Ihnen unterstellen die „Turbangegner“ missionarischen Eifer, während sie für das locker gewundene Tuch noch Verständnis aufbringen. Die Kopftuch-Befürworter machen hier keinen Unterschied.

Die Hürriyet stellt sich auf die Seite der türkischstämmigen Politikerinnen. Sie ließ nichts unversucht, um die Leser auf ihre Seite zu ziehen. „Akgün gegen Beck“, titelte das Blatt. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Marieluise Beck (Grüne), löste schließlich die ganze Kampagne aus, weil sie Unterschriften von 70 prominenten Frauen gesammelt hatte, die für das Tragen von Kopftüchern im öffentliche Dienst sind. Wir dürfen also gespannt sein, ob Hürriyet Einfluss auf die Entscheidung der Bundesländer haben wird. In Berlin überlegt man ja noch.

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