Berlin : Huldigung an die Punk-Professorin

Mit Dank an die Stoffsponsoren: Modestudenten verabschieden Vivienne Westwood

Grit Thönissen

Vor ihrem Abflug aus Berlin sollte es noch einmal eine ganz besondere Show werden. Nach der Abschluss-Modenschau ihrer Studenten verabschiedet sich Professorin Vivienne Westwood von der Universität der Künste und Berlin. Wie schön also, dass der Abschied am Samstagabend in der Abfertigungshalle des Tempelhofer Flughafens gefeiert wurde – ein bisschen Symbolik musste schon sein. Aber bevor es Zeit wurde, sich der Wehmut hinzugeben, konnten die Gäste ihre Billigfliegererfahrung einsetzen: Vor den Eingängen drängten sich Frauen in Abendkleidern und Männer in Anzügen wie vor dem Flug nach Mallorca, die als Boardingkarten gestalteten Eintrittskarten fest in der Hand.

Als das Sicherheitspersonal die Eingänge zur Halle freigibt, wartet vorm Laufsteg schon der nächste Sicherheitsdienst. Über die Lautsprecheranlage werden die dicht an dicht Stehenden vor dem letzten Höhenflug der Westwood-Zöglinge um Ruhe gebeten: „Ich möchte Sie bitten, im Foyer Getränke einzunehmen, das Rauchen einzustellen und noch ein wenig auszurasten.“ Hübscher Versprecher, aber die über 1000 Wartenden nehmen es sportlich, fünf Minuten nach Einlass sind alle Sitzplätze belegt – Vivienne Westwood checkt als Letzte ein.

Dann beginnt eine perfekte Show: „Das Beste aus 12 Jahren“ zeigt noch einmal, woher die britische Designerin ihren Lehrstoff nimmt: Aus der Kostümgeschichte und dem traditionellen Schneiderhandwerk. Gewaltige Rokokoroben, strenge Gouvernantenkostüme, Keulenärmel und Maria-Stuart-Kragen und viel drapierte Seide, all das wirkt seltsam zeitlos – eine Stilkunde der letzten Jahre kann man daraus nicht ablesen. Es folgen Arbeiten des ersten und zweiten Studienjahres. Es scheint, als solle zum Abschied noch mal der unantastbaren Autorität der Professorin gehuldigt werden und nicht der individuellen Kreativität der Studenten. Schließlich sieht es die 64-jährige Designerin immer lieber, wenn ihre Schützlinge Bücher lesen und ins Museum gehen als eigene Visionen zu entwickeln. Alles wunderschön gearbeitet und mit großer Kennerschaft vom historischen Vorbild abgeleitet, aber nicht eben unterscheidbar.

Auch als die neun Absolventen ihre Kollektionen präsentieren, gibt es keine Turbulenzen, der Flug bleibt ruhig. Bei Themen wie „Elektra“, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und „Reise um die Welt in 80 Tagen“ wähnt sich der Zuschauer bei all den Gehröcken, großen Taftröcken und griechischen Tuniken des Öfteren im Theater. Dass am Schluss die vielen, vielen Stoffsponsoren einen Dank erhalten, war nur gerecht, schließlich wurden Unmengen an Material verbraucht – was allein an Seidensatin für die meist unifarbenen Abendkleider draufgegangen sein muss, lässt sicher jeden Stoffhersteller in Freudentränen ausbrechen. Schließlich galt es, Roben in fast jeder Kollektion zu bestaunen.

Niemanden hätte es verwundert, wäre Vivienne Westwood am Ende mit einem Köfferchen auf den Laufsteg getrippelt, um ihr Abschiedsgeschenk vom Kanzler der UdK, Jürgen Schleicher, in Empfang zu nehmen. Er übergibt ihr ein Dauerticket für Berlin: Als erste lebende Frau darf sie ab Oktober den Titel Ehrensenatorin tragen. Viel sagen mochte die Britin nicht, nur so viel: Sie will wiederkommen – als Touristin. Na also, alles richtig gemacht.

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