Humboldt-Forum : Neuer Geist im Spukschloss

Dem Humboldt-Forum fehlt es an Fans. Die Verschiebung des Stadtschloss-Baubeginns hat die Debatte um die Nutzung beflügelt – dem Projekt kann das nur nützen.

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Der Traum vom Schloss. Nach der Verschiebung des Baubeginns für das Humboldt-Forum wird über das Projekt in Berlins leerer Mitte wieder diskutiert. Auch eine Art Berliner „Centre Pompidou“ ist im Gespräch. Foto: Preiss/ddp
Der Traum vom Schloss. Nach der Verschiebung des Baubeginns für das Humboldt-Forum wird über das Projekt in Berlins leerer Mitte...Foto: ddp

Der Sandberg auf dem Schlossplatz mitten in Berlin hat Charme. Er wirkt wie ein Denkmal für den permanenten Stadtumbauprozess seit dem Mauerfall. Je nachdem, wie lange der Baubeginn des Humboldt-Forums/Stadtschlosses nun hinausgeschoben wird, könnte der eine oder andere Schössling auf dem Sandberg sprießen. Aber dabei kann es nicht bleiben.

Sogar Liebhaber großstädtischer Brachen und architektonischer Übergangszustände müssen zugeben: Dieser Platz mitten in Berlin, gedacht für das Ersatzschloss mit der Vorhängefassade, muss bebaut werden. Etwas muss dort entstehen, das scheinen die umstehenden Gebäude zu verlangen. Vom leeren Sockel des ehemaligen Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I. an der Schlossfreiheit hat man eine Panoramavision der preußisch-deutschen Geschichte: Deutsches Historisches Museum, Altes Museum, Dom, der sattgrüne Park schräg gegenüber des Roten Rathauses. All dies ist zu sehen, weil der Palast der Republik nicht mehr existiert. Der Blick geht zum DDR-Staatsratsgebäude, zum Außenministerium. Im Rücken hat man die streng-schöne Friedrichswerdersche Kirche.

Da wäre die leere Mitte, ein leerer Schlossplatz, eine missverständliche, falsche Aussage über diese Stadt. Die Gefahr bestünde, dass dort im Sommer und im Advent ein großer Rummel aufgebaut wird. Doch bringt die Verschiebung des Baubeginns die Chance, über die leere Mitte neu zu streiten. Denn auch wenn das Projekt Humboldt-Forum auf dem Papier steht, auch wenn es von klugen Leuten wort- und gedankenreich begründet worden ist: Das ganze Vorhaben kommt nicht gut an. Es würde, wenn es fertig wäre, bloß eine weitere Touristenattraktion.

Und das wäre falsch – für diesen Ort und für Berlin-Mitte überhaupt. Diesen Eindruck haben offenbar nicht wenige. Denn mit dem Verschiebe-Beschluss des Bauministers ist eine Diskussion in Gang gekommen, die es eigentlich nicht geben dürfte. Thomas Flierl, ehemaliger Kultursenator, heute stadtentwicklungspolitischer Sprecher der Linkspartei, forderte in Reaktion auf den Beschluss, das Projekt zu „präzisieren und es von seiner fragwürdigen Fixierung auf das Fassadenschloss zu lösen“. In der „Süddeutschen Zeitung“ hat Gustav Seibt die Präzisierung weiter- getrieben und die Idee vom Berliner „Centre Pompidou“ wieder in die Diskussion gebracht – als Idee von einem „Ort populärer Wissensvermittlung um den Kern einer großzügigen, reichhaltigen Volksbibliothek mit angeschlossenen Ausstellungs- und Erholungsmöglichkeiten“.

Man begebe sich auf den Denkmalssockel und stelle sich vor: der Schlossplatz, bebaut mit einem Haus der Bücher und der neuen Medien. Warum nicht die Centre-Pompidou-Idee noch etwas radikalisieren? Orte für die Kunst gibt es viele in Berlin.

Gewiss, offiziell will Kultur-Berlin keine Diskussion – die gilt als zu gefährlich. Torsten Wöhlert, Sprecher von Kultur-Staatssekretär André Schmitz, sagt mit Blick auf das Humboldt-Forum: „Das jetzt infrage zu stellen heißt, sämtliche Pläne für lange Zeit zu beerdigen.“ Und doch fehlt es dem Fassadenschloss an Fans, der Humboldt-Forum-Idee an Leuchtkraft – und der Mitte der Stadt an einer Einrichtung zusätzlich zum Touristen-Besuchsprogramm. Es fehlt für die Normalberliner ein Ort zum Lesen.

Begründen, fordern sogar kann man das aus einem Kulturverständnis heraus, das sich im Bestaunen nicht erschöpft und mehr Zeit als eine Stunde im Museum verlangt. Begründen kann man es auch mit der Geschichte der Stadt. Ausgerechnet Flierl plädiert heute für Rücksicht auf die „Bipolarität“ Berlins, die die Teilung erzeugt hat. Schließlich werden die Oper im Westen wie auch der Museumsstandort im Südwesten noch heute gemocht und geschätzt. Und: Ob man mit dem Humboldt-Forum wirklich mehr Verständnis für außereuropäische Kultur erzeugen kann als im Ethnologischen Museum in Dahlem, ist einigermaßen zweifelhaft. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sagte in einem Interview: „Auf jeden Fall wird es keine Ausstellungen geben, die 30 Jahre und mehr unverändert bleiben. Die Innenarchitektur und die Vitrinen werden wechselnde Präsentationen ermöglichen. Wir werden die Rundgänge so gestalten, dass der Besucher die vielfältigsten Angebote bekommt zum Lernen, Staunen, Schauen und Verweilen.“

Sollte es nicht gerade inmitten all der bestaunenswerten Gebäude der Museumsinsel mit ihren eindrucksvollen Inhalten einen Ort zum Lesen geben? Zugegeben, man geht zurück auf Los. Aber das Bedürfnis ist da, und es wird lauter. Es wird auch lauter, weil es ausgerechnet an brauchbaren Bibliotheken in Berlin mangelt. Was neu ist und etwas hermacht, ist prompt überlastet, siehe das Grimm-Zentrum an der Humboldt-Universität, ganz zu schweigen von der guten alten Staatsbibliothek an der Potsdamer Straße.

Gegen die kesse These vom Bibliotheksneubau, vom Denkmalssockel auf den Schlossplatz geworfen, spricht, dass Berlin die Kosten dafür tragen müsste. Thomas Flierl sagt dazu, in die mittelfristige Finanzplanung seien 270 Millionen Euro für den Neubau der Landesbibliothek eingestellt. Gegen die Idee eines Hauses der Bücher und der neuen Medien sprechen die Quadratmeter-Bedürfnisse: Bis zu 65 000 Quadratmeter werden angeblich gebraucht – rund dreimal so viel, wie im Fassadenschloss verfügbar wären, würde man das allein für die Bücher nutzen. Also müsste ein noch größerer Bau als das nachgemachte Schloss auf dem Schlossplatz entstehen? Wenn man weiß, was man will, kann man neu nachdenken, etwa über eine Verbundlösung mit dem Bibliotheksstandort Breite Straße, der sozusagen in Buchwurfweite liegt. Dann ist da noch das architektonische Risiko: Wie soll man sich ein Haus der Bücher vorstellen, das mit dem Alten Museum konkurrieren kann? Aber wer sagt, dass das nicht geht?

Und was wäre das für ein Anziehungspunkt, was für ein Ort gegen den „Mitte-Zentralismus von Wowereit“, wie Flierl sagt, gegen die Tendenz, Mitte zum Ort des „urbanen Entertainments“ zu machen. Hätte man dann noch amerikanische Öffnungszeiten im Haus der Bücher, müsste man sich über das Bildungsniveau der Berliner von morgen keine Sorgen mehr machen. Man könnte in diesem Haus der Bücher aus historischen Gründen und in Erinnerung an die Geschichte des geteilten Berlins einen der alten Kaffee-Automaten der Staatsbibliothek aufstellen, als Zeichen dafür, dass es Fortschritt gibt. Denn nirgends war der Kaffee schlechter.

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