Berlin : Humboldt-Universität: Neues Präsidium nimmt sich Harvard zum Vorbild

Uwe Schlicht

Die Humboldt-Universität hat den Ehrgeiz zu den weltbesten Universitäten aufzurücken und damit so bekannt zu werden wie Stanford, Harvard, Yale und Oxford. Um dieses noch fernliegende Ziel zu erreichen, hat sich das neue Präsidium den Unternehmensberater McKinsey geholt. Eine Folge dieser Beratung war die Etablierung eines professionellen Präsidententeams, das sich in den nächsten fünf Jahren ganz der Leitung der Universität widmet und von daher allen Lehrverpflichtungen entsagt. Lediglich in der Forschung werden einige Präsidiumsmitglieder tätig sein. Gestern hat das neue Team unter Leitung des Physikers Jürgen Mlynek Bilanz über die ersten 100 Tage gezogen.

Im Vordergrund steht die Absicht der Universität, der Lehre wieder den gebührenden Platz in der Universität einzuräumen und sich damit am Vorbild der großen amerikanischen Universitäten wie Stanford zu orientieren, die diese Kehrtwendung schon vollzogen haben. "Die neue Leitung unternimmt den Versuch, der Lehre den anerkannten Status in der Universität zu geben, den sie theoretisch hat, aber faktisch bisher nicht erreicht", sagte der für Lehre und Studium zuständige Vizepräsident Heinz-Elmar Tenorth. In Deutschland gilt an den Universitäten häufig das Gegenteil: Die Professoren gewinnen ihr Renommee durch die Forschung und vernachlässigen zum Teil dadurch die Lehre.

Um sich über die tatsächliche Studiensituation zu informieren, hat die Humboldt-Universität inzwischen ein Drittel ihrer Studiengänge evaluiert und will das bis zum Ende des Wintersemesters abschließen. Besonders wichtiges Kriterium ist die Frage, wie viele Studenten ihr Studium in der Regelstudienzeit abschließen und wie viele Studienabbrecher es gibt. Ganz hohes Gewicht misst Professor Tenorth der Einschätzung der Lehrqualität durch die Studenten zu. Diese Beurteilungen "geben den besten Aufschluss". Am Ende ihrer Erhebungen will die Humboldt-Universität ein System entwickeln, dass jene Professoren, die sich nicht in der Lehre wie erwartet engagieren, das auch negativ zu spüren bekommen.

Entschieden erhöhen will das neue Präsidium den Anteil der ausländischen Studenten. Obwohl die Humboldt-Universität mit elf Prozent Ausländern - in absoluten Zahlen sind das 4083 Studenten - eine gute Bilanz unter den deutschen Universitäten vorweisen kann, ist ihr das zu wenig. Es sollen bald 20 Prozent werden und darunter möglichst viele "echte" Ausländer, die nicht bereits die deutschen Schulen besucht und hier das Abitur gemacht haben. Dieses Ziel hat sich Barbara Ischinger gesetzt, die in dem Leitungsteam für die Auslandskontakte und das Fund-Raising zuständig ist, also das Einwerben von Geldern aus der Wirtschaft und von Stiftungen. Mit solchen Hilfen möchte sich die Humboldt-Universität auch ein eigenes Stipendienprogramm finanzieren lassen, um einigen hochbegabten deutschen Studenten einen Auslandsaufenthalt finanzieren zu können.

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