Hund und Herr : Der erste Schmiss

Helmut Schümann hat keinen Pubertisten mehr, dafür einen Hund. An dieser Stelle schreibt er, Schümann, nicht der Hund, immer Sonnabends über sein Leben als Welpenassistent in Berlin. Dieses Mal über eine harte, aber notwendige Lektion für Wilmer

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Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wilmer hat seinen ersten Schmiss. Hätte der Welpenassistent es verhindern können? Eher nicht, oder nur mit extremer Härte, also Gewaltanwendung, aber die hat schon der Vater als Erziehungsmethode beim Pubertisten ausgeschlossen und schließt auch der Assistent, einig mit Dr. Frauchen, beim Welpen aus. Den Schmiss hat Rocco zu verantworten. Rocco ist aus der Nachbarschaft. Auch ein Retriever, sechs Jahre alt, mit Migrationshintergrund, ein Schweizer. Von daher schon zur Neutralität verpflichtet, aber auch vom Gemüt ein sehr friedlicher und lieber Retriever. Wilmer und Rocco sind ein Herz und eine Seele. Meistens bringt Wilmer Rocco etwas bei. An der Leine gehen zum Beispiel oder wie man an Spielzeug zerrt, wie man die Schuhe des Welpenassistenten apportiert oder wie man vor Freude an größeren Hunden hochspringt und ihnen liebevoll in die Lefzen beißt.

Am Tag des Schmisses aber brachte Rocco Wilmer etwas bei: das Ruhebedürfnis. Wilmer hing mal wieder an Roccos Lefzen. Rocco soll ja lernen. Aber nach etwa einer Stunde hatte Rocco genug gelernt für diesen Tag. Er mochte nicht mehr. Erkennbar. Er wollte Wilmer abschütteln. Immer wieder. Er ging nach rechts. Wilmer hinterher. Rocco trabte nach links. Wilmer hinterher.

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"Hund und Herr" - Schümanns Hundekolumne
"Hund und Herr" - Schümanns Hundekolumne

„Wilmer, gib mal Ruhe“, sagte der Assistent. Wilmer guckte kurz, „aber ich habe doch einen Lehrauftrag“, sagten seine Augen, „der ist doch Migrant, der muss doch lernen, wie es hier zugeht.“

Dann hing er sich wieder an Roccos Lefzen. „Mann, Junge, lass mich doch endlich mal in Ruhe“, sagte Roccos Mimik. Wilmer ließ nicht locker. Also, der Assistent muss Rocco fast unendliche Geduld attestieren. Dann schnappte Rocco zu. Wilmer blutete leicht an der Schnauze und aus einer kleinen Wunde neben dem linken Auge. Er heulte. Rocco lag konsterniert und zitternd auf dem Boden. Dann ging Wilmer zu Rocco, die beiden beschnupperten sich. Sie sind jetzt wieder ein Herz und eine Seele. Und Wilmer weiß, wann auch mal Schluss sein muss.

Jeden Montag berichtet Helmut Schümann über sein Leben als "Welpenassistent" auf der ersten Seite im Lokalteil des Tagesspiegels und natürlich auch online unter: www.tagesspiegel.de/welpen

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