Hund und Herr : Streicheleinheit

Helmut Schümann schreibt immer montags über sein Leben als Welpenassistent in Berlin. Diesmal geht es um die Frage, wie man kleine Kinder geräuschlos umkurvt.

von
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wenn Wilmer den Welpenassistenten durch Berlins Straßen führt, begegnen den beiden auch Kinder. Kleine Kinder. Die aber schon laufen können und folglich wesentlich älter sind als Wilmer. Ja, ja, verehrte Leserin v. S., ist ja schon gut. Das Bild unten zeigt Wilmer vor vier Monaten und auch den Assi vor vier Monaten. Seitdem ist er gewachsen. Wilmer, nicht der Assi. Der wächst nicht mehr, der schrumpelt nur noch und kriegt noch ein paar Falten mehr angesichts so manchen Kommentars von Hundehassern.

Die kleinen Kinder sind zwar älter als Wilmer, aber meistens auch kleiner. Und wenn dann so ein großer Wolf auf so ein kleines Kind zuläuft, kann ein kleines Kind erschrecken. Das will der Assi nicht, und Wilmer will es auch nicht, der will nur spielen oder flirten oder gestreichelt werden. Aber weiß das so ein kleines Kind? Eine der ersten Sachen, die der Assi und Dr. Frauchen mit Wilmer besprochen und ausgehandelt haben: Nicht auf Kinder zulaufen! Nicht an der Leine und auch nicht in der Freilaufzone, die es ja noch gibt. Und überhaupt nicht auf andere Menschen zulaufen. Und keinem Radfahrer hinterherjagen. Und auch keinen Joggern.

Wilmer hat das verstanden. Spätestens als ein kleiner Junge vom Laufrad fiel. Das war in Kreuzberg, auf der Bergmannstraße, in der Dämmerung. Der Assi ging brav neben Wilmer und achtete genau darauf, dass der Assi schön bei Fuß geht. Eine Mutter mit Kinderwagen kam den beiden entgegen. Angeführt wurden die beiden von einem Jungen auf einem Laufrad. Der drehte sich zur Mutter um. Als er wieder nach vorne schaute, sah er Wilmer und den Assi. Die waren etwa zwei Meter entfernt. Der Junge erschreckte sich trotzdem. Ob wegen Wilmer oder wegen des Assis, blieb ungeklärt. Auf jeden Fall plumpste der Junge auf den Gehweg. Die Mutter sagt: „Wilmer ist nicht schuld.“ Offensichtlich kannte sie Wilmer. Der Junge rappelte sich wieder auf und ging auf Wilmer zu und streichelte ihn. Ach, es könnte so einfach sein mit Hund und Mensch in der großen Stadt.

Inzwischen weiß Wilmer, was er zu tun hat, wenn ihm Kinder begegnen. Vergangene Woche: Wilmer ließ den Assi im Freilaufgebiet frei laufen und tobte selber durch den Grunewald. Eine Kita kam des Weges. Sechs Kinder im Bollerwagen, zwei ganz kleine Mäuse trotteten tapsig hinterdrein. Wilmer sah das und kam, ohne das der Assi etwas gesagt hatte, sicherheitshalber zum Assi zurück. Dann ließ er den Assi bei Fuß gehen. So lange, bis Bollerwagen, Kitaaufsichtsperson und die beiden kleinen Mäuse vorbeigezogen waren. Anschließend, als die Erziehungsmaßnahme des Assis erfolgreich beendet war und er kein Kind erschreckt hatte, stand Wilmer, hoch erhobenen Hauptes mit wedelnder Rute, vor dem Assi. „Na also, geht doch!“

Und der Assi dachte mit Blick auf die Hundehasser und die verehrte Leserin v. S. und besonders die Leserin R.: „Na also, geht doch!“

Die Erlebnisse zum Nachlesen: www.tagesspiegel.de/HundundHerr

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