Hundeführerschein : Soll die Leinenpflicht für Hunde verschärft werden?

Hunde sollen nur ohne Leine laufen dürfen, wenn Halter Sachkunde nachweisen. Die Frage der Kontrolle ist ungeklärt. Was denken Sie, liebe Leserinnen und Leser? Diskutieren Sie mit!

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Der Streitpunkt beschäftigt die Berliner schon seit langem. Bereits 1870 gab es eine strenge Leinenpflicht in der Stadt. Doch die Regelung war auf Dauer nicht durchsetzbar, vermutlich, weil sie keine Ausnahmen zuließ. Vor allem jene Hundehalter wehrten sich, die ihre Tiere auch unangeleint unter Kontrolle hatten. Heute, mehr als 140 Jahre später, ist das Thema wieder aktuell. Es wird über eine Verschärfung der Leinenpflicht in Berlin debattiert. Allerdings will die neue rot-schwarze Koalition wie berichtet zusammen mit den Amtsveterinären der Bezirke keinen generellen Leinenzwang durchsetzen, sondern nur jene Tiere nicht von der Strippe lassen, deren Frauchen oder Herrchen mit ihnen keine Hundeschule samt Prüfung absolvieren und somit keinen „Hundeführerschein“ erwerben.

Nach dem derzeitigen Berliner Hundegesetz müssen Tiere, die nicht als Kampfhunde auf der Liste der „gefährlichen Rassen“ stehen, nur an bestimmten Orten angeleint sein. Dazu gehören Wälder, Parks und viele kleinere Grünanlagen. Außerdem Treppenhäuser, Einkaufszentren sowie „Straßen und Plätze mit Menschenansammlungen“ wie der Alexanderplatz. Und die Anleinpflicht gilt auch in Bussen und Bahnen.

Diese Vorschriften sollen bleiben. Aber zusätzlich will die neue Landesregierung nun jene Tiere überall kurz halten, die auf ihre Halter nicht hören. Anlass sind die Klagen von Bürgern, besonders von Eltern mit Kindern und von Joggern, über Vierbeiner, die auf sie zurennen oder sie gar anspringen und ängstigen. Auch die Zahl der Hundeattacken mit Bissverletzungen hat wieder leicht zugenommen. 2010 wurden 600 solcher Vorfälle gemeldet, für 2011 gibt es noch keine Statistik. Doch vor einer Woche hat ein freilaufender Schäferhund in Mariendorf in der Nähe einer Kita eine Mutter mit drei Kindern angefallen. Ein fünf- und ein achtjähriger Junge wurden gebissen.

Nun soll die verschärfte Leinenpflicht Druck auf Hundehalter ausüben, mit ihrem Tier eine zertifizierte Hundeschule zu besuchen. „Wir wollen die Hundefreunde mehr in die Verantwortung nehmen – für ihre Umwelt, aber auch für ihre Lieblinge im Sinne des Tierschutzes“, heißt es bei SPD und CDU. Schließlich sei ein unerzogenes Tier nicht nur Stress oder gar gefährlich für seine Umgebung, sondern bringe auch sich selbst in Not, wenn es beispielsweise auf die Straße renne. In einer Hundeschule beschäftigen sich die Halter dagegen intensiv mit den Verhaltensweisen ihres Tieres. Sie lernen, es artgerecht zu führen: Damit der Hund bei Fuß geht, auf Zuruf kommt, niemanden anspringt oder den Straßenrand als Stopplinie ansieht und nur auf Kommando die Fahrbahn überquert.

Der Berliner Tierschutzverein und der Verein für das Deutsche Hundewesen (VDU) - die Dachorganisation der Hundevereine – haben kein Verständnis für Halter, „die zu bequem sind, sich mit alledem zu beschäftigen.“ So sieht es auch der Vizefraktionschef der CDU im Abgeordnetenhaus, Mario Czaja. Als Konsequenz müssten solche Halter eben künftig die Leine in Kauf nehmen, sagt er.

Niedersachsen geht mit seinem Mitte 2011 in Kraft getretenen neuen Hundegesetz sogar noch einen Schritt weiter. Dort ist Hundehaltung nur noch erlaubt, wenn man sich mit seinem Tier ausbilden lässt und eine „Sachkundeprüfung“ besteht. In Hamburg gilt hingegen seit 2007 eine ähnliche Regelung, wie sie Berlin anstrebt: Dort kann sich ein Halter von der generellen Leinenpflicht auf Antrag befreien lassen, wenn er bei einer Prüfung nachweist, dass er seinen Hund „unter Kontrolle hat und von diesem keine Gefahren oder Belästigungen ausgehen.“

Mit den Erfahrungen beider Länder beschäftigen sich nun Berlins Amtsveterinäre. Vieles ist noch zu klären – so die Frage der Kontrolle. Bereits jetzt fehlt den Bezirken Personal, um das Leinengebot in Parks wirksam zu überwachen. Noch offen ist auch, wie intensiv die Ausbildung sein soll und nach welchen Maßstäben man Hundeschulen zertifiziert, die Prüfungen abnehmen. Niedersachsen fordert als Zeit für die Schulung lediglich zwei Vormittage, was Fachleute als „zu kurz“ kritisieren. In Hamburg stellte sich bald heraus, dass manche Hundeschulen mit den Prüfungen nur schnelles Geld machen wollten. Schließlich ist zu entscheiden, ob die verschärfte Leinenpflicht nur für neu angeschaffte Hunde gilt oder auch für schon vorhandene Tiere. Und dann ist da das große Problem der kleinen Hunde. Ihnen und ihren Haltern will man die Schule ersparen. Nur: Ab welcher Größe kann auch ein Winzling zum Stressfaktor werden?

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