Berlin : Hundert Prozent Randgruppe

Berlins Wahlkreise – Folge 1: In Friedrichshain-Kreuzberg müssen die Kandidaten ein buntes Wählervolk für sich gewinnen

Thomas Loy

Kreuzberg ist immer dagegen. Besonders dagegen ist Kreuzberg, wenn andere dafür sind: Wiedervereinigung, Hauptstadt-Beschluss, Olympische Spiele in Berlin. Auch gegen die Fußball-WM formieren sich hier Anti-Kreise. In der Oranienstraße hängen Plakate der „Kampagne gegen die Fußball-WM“. Treffpunkt für die Sympathisanten ist der Stadtteilladen „Zielona Gora“ in der Grünberger Straße, Friedrichshain – auch ein Hinweis darauf, dass Kreuzberger und Friedrichshainer sich näher kommen.

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg bildet mit dem Ostteil des Alt-Bezirks Prenzlauer Berg den Bundestags-Wahlkreis 84. Gewinner des Direktmandats war vor drei Jahren Hans-Christian Ströbele von den Grünen – eine Sensation, die hier niemanden wirklich verwunderte. Sein Wahlbezirk sei „einer der spannendsten Orte der Republik“, schreibt Ströbele auf seiner Internetseite. „Hier findet alljährlich die revolutionäre Erste- Mai-Demo statt, gibt es die besten Dönerläden der Welt und noch echte Punks.“

Dass sein Wahlbezirk auch einer der ärmsten Orte ist, schreibt Ströbele nicht. Rund 322000 Menschen wohnen im Wahlkreis 84, umgerechnet auf den Quadratkilometer sind es 12109 Menschen, so dicht beieinander wohnt man sonst nirgends in Berlin. Zum Vergleich: In Pankow leben 2970 Menschen auf dem Quadratkilometer. Es gibt mehr Kinder und Jugendliche als in anderen Bezirken. 13,6 Prozent sind unter 15 Jahre alt (Berliner Durchschnitt: 12,8 Prozent), nur 14,4 sind älter als 60 (Durchschnitt: 22,6 Prozent). Der Ausländeranteil liegt bei 20 Prozent – mehr Nicht-Deutsche gibt es nur in Mitte und Neukölln. In Kreuzberg leben rund 32 Prozent Ausländer, in Friedrichshain unter 10 Prozent – mit unterschiedlicher Herkunft: In Kreuzberg dominieren Türken und Araber, in Friedrichshain Vietnamesen und Zuwanderer aus den ehemaligen Sowjetrepubliken.

Die Spree trennt auch das Wahlverhalten: In den drei Kreuzberger Stimmbezirken erreichten die Grünen bei der Bundestagswahl 2002 zwischen 30 und 38 Prozent der Zweitstimmen, in den zwei Friedrichshainer Bezirken, waren es nur 11, bzw. 22 Prozent. Die PDS kam in Kreuzberg auf 5 bis 7 Prozent, in Friedrichshain dagegen auf 19 bzw. 29 Prozent.

Der Zuzug von Studenten und „Kreativen“ hat beide Stadtteile seit der Wende stark verändert. Finanziell gut situierte Singles auf der Suche nach sanierten Altbau-Wohnungen und morbiden Clubs sind zugezogen, ohne die einheimische Alternativ-Szene zu verdrängen. Um das nicht immer konfliktfreie Miteinander von jungen Gutverdienern, sozialen Außenseitern, Ausländern und Alternativen sorgen sich ungezählte Nachbarschaftsinitiativen und das Quartiersmanagement.

Aus der Kreuzberger Hausbesetzer-Ära, die in den 90er Jahren in Friedrichshain überdauerte, sind Projekte wie in der Grünberger Straße 73 übrig geblieben. In diesen Häusern haben viele linke Gruppen Unterschlupf gefunden.

Eine Studie des Zentrums Demokratische Kultur aus dem Jahr 2003 riss Furchen in das Multikulti-Glück der Kreuzberger und Friedrichshainer. Bei Interviews kam heraus, dass rechtsextreme Ansichten und rassistische Vorurteile in beiden Stadtteilen kursieren. Schwarze würden oft als Dealer und Kriminelle stigmatisiert, von Deutschen wie von Türken. Auch antisemitische Ressentiments seien verbreitet. Ursachen dafür sind mangelnde Bildung und das Gefühl, selbst sozial benachteiligt zu sein.

Arbeitsplätze sind rar. Viele Jobs gibt es in Cafés und Bars, gut bezahlte Arbeit kam mit der Musik- und Medienbranche, die leer stehende Fabrikanlagen beidseits der Spree bezogen hat. Davon profitieren die Alteingesessenen jedoch kaum.

Die Arbeitslosigkeit in Friedrichshain-Kreuzberg lag im Juli bei 26 Prozent. Im jüngsten „Armutsbericht“ des Senats schnitt der Bezirk schlecht ab. Kreuzberg hat die ungünstigste Sozialstruktur aller 23 Alt-Bezirke, Friedrichshain kam auf Platz 19. Die Tendenz weist in beiden Alt-Bezirken abwärts. In Kreuzberg hat jeder dritte Einwohner keinen Berufsabschluss. Unter den türkischen Jugendlichen verlassen mehr als 20 Prozent die Schule ohne Abschluss.

Dabei leben nicht nur arme Menschen in Friedrichshain-Kreuzberg. Im westlichen Kreuzberg haben sich die etablierten Alt-68er niedergelassen. Die Viertel um Chamisso-, Marheinekeplatz und Südstern sind begehrte und teure Wohnstandorte. In Friedrichshain gibt es eine ähnliche Entwicklung zwischen Simon-Dach-Straße und Boxhagener Platz. Selbst PDS-Hochburgen wie die Frankfurter Allee nebst Seitenstraßen geraten zunehmend in das Suchraster kapitalistisch sozialisierter Neuberliner.

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