Berlin : Hunger nach Liebe

Annette Kögel

Die Erinnerung kommt Maike schwer über die Lippen. In der schlimmsten Phase ihrer Essucht hat sie sich mit Jalousien von der Welt abgeschirmt und sich ohne Licht auch das Leben verdunkelt. Tagsüber kroch sie auf Knien unterm Fensterbrett zum Kühlschrank, damit sie niemand sieht. "Dabei habe ich meinen ganzen Stolz aufgegeben und gemerkt: Jetzt brauche ich Hilfe."

Wie die 25-Jährige aus Charlottenburg, die anonym bleiben möchte, leiden unzählige Berliner an Essstörungen. Zunehmend versuchen Männer, seelischen Hunger mit Fress-Attacken zu stillen, brechen als Bulimiker das Verschlungene wieder aus oder hungern sich magersüchtig aufs vermeintliche Idealmaß. Der Selbsthilfeverein "Dick & Dünn", das Psychotherapie-Institut und die Fontane-Klinik in brandenburgischen Motzen laden am Sonnabend Ärzte, Kliniken und andere Interessenten zu einer Tagung.

"Ich habe mich so gehasst auf dem Foto", sagt die Architektur-Studentin: 80 Kilo Maike. Daneben eine Aufnahme aus früheren Jahren. Noch nicht mal 50 Kilo wog die Gestalt aus Haut und Knochen. Weil sie als dickes Kind gehänselt wurde, tröstete sie sich nach der Schule mit Essen aus dem Supermarkt. "Das Einzige, was ich hatte." Dann erzählt die zarte junge Frau mit leiser Stimme von diesem Teufelskreis, bei dem Lebensmittel für Betroffene genauso zur Droge werden wie Alkohol für Trinker.

Zum Frühstück Toastbrot mit Ketchup, den ganzen Tag über nichts. Abends Essen in den Mund genommen, aber das Zeug gekaut ausgespuckt, damit die Kalorien nicht ansetzen. Dann doch wieder Fressanfälle. "Ich habe ganze Nachmittage taub auf dem Sofa gelegen, mich nicht unter Menschen getraut." In der Schule, so bildete sich die unabhängig vom Gewicht hübsche Frau ein, "stiert der Lehrer die ganze Stunde angewidert auf deine fetten Beine unterm Tisch".

Wenn sich die Gedanken nur noch um Aussehen, Essen und Gewicht drehen, ist das ein Warnsignal, weiß Sylvia Baeck, die "Dick & Dünn" 1985 gründete. Inzwischen suchen immer mehr Angehörige Rat, Schüler trauen sich, mit der Freundin eine Gruppe zu suchen. Im Jahr 2000 zählten die Beraterinnen 7784 Telefonate, 1300 Briefe, 1200 persönliche Anfragen. Jedes Jahr gründen sich etwa 40 Selbsthilfegruppen. "Zehn Prozent der Betroffenen sind Männer", so Mitarbeiterin Katharina Vogel.

Übergewichtige (etwa die Hälfte aller Betroffenen) kompensieren durch Essen oft Gefühle oder fressen sich einen Schutzpanzer an. Viele an Bulimie Erkrankte (etwa 35 Prozent) wählen Essen als Ersatzbefriedigung und begegnen so ihrem Perfektionsanspruch. Magersüchtige wollen sich "dünne machen" und Autonomie erkämpfen - oft vergeblich. Dass Essprobleme nur ein Symptom für Hunger nach anderem sind, auch nach Liebe, weiß Maike jetzt. Sie gründete eine Gruppe der Anonymen Essüchtigen in Genesung (FA), die nach dem Vorbild der Anonymen Alkoholiker arbeitet. Welche Therapie auch immer die Betroffenen wählen - Maike hat die Richtige gefunden: "Ich zeige meinen Leben wieder das Gesicht."

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