Berlin : Hungerstreik: "Ich bin durch viel Arbeit arm geworden" - Der Fall Schönemann

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Mit einem Stift malt die zierliche Frau eine "20" aufs Plakat. Dann muss sie sich wieder hinlegen. Die "20" steht für den 20. Tag, an dem Monika Schönemann keine feste Nahrung zu sich nimmt. Obwohl sie geschwächt ist, beantwortet sie bereitwillig die vielen Fragen und erklärt, warum sie in den Hungerstreik getreten ist. "Ich bin durch viel Arbeit arm geworden und habe Haus und Hof verloren", sagt die 57-jährige Thüringerin.

Kurz nach der Wende wagt Monika Schönemann zusammen mit ihrem Mann den Schritt in die Selbstständigkeit. Sie gründen eine kleine Firma, die sich auf den Einbau von Heizungen spezialisiert. Der Betrieb läuft gut, bald können sie zwölf weiteren Handwerkern Arbeitsplätze bieten. Bis zum Jahr 1996. Da bekommen die Schönemanns von einer Firma den Auftrag, in rund 200 Wohnungen Heizungen einzubauen. Um den Großauftrag ausführen zu können, stellen sie neue Leute ein, mieten Fahrzeuge, kaufen Baumaterial. Als sie die Wohnungen termingerecht übergeben, bekommen sie kein Geld. Die Firma bleibt ihnen für die ausgeführten Arbeiten 420 000 Mark schuldig. Das Unternehmen hat Konkurs angemeldet. Nach Monaten erhalten die Schönemanns ein Vergleichsangebot. Sie sollen sich mit der Hälfte der Summe zufrieden geben. Die Handwerker lehnen ab. Inzwischen sind sie hoch verschuldet, können ihre Angestellten nicht mehr bezahlen. Anfang 1997 erstattet Monika Schönemann Anzeige wegen betrügerischen Konkurses. Als Beweis dienen ihr anonym zugesandte Unterlagen, die Aufschluss über zwielichtige Machenschaften der Geschäftführer geben. Im Oktober 1998 schließen Monika Schönemann und ihr Mann den Betrieb. Sie sind ruiniert. Fortan lebt sie von 1400 Mark Arbeislosengeld, ihr Mann bekommt 109 Mark Sozialhilfe im Monat. "Wir haben unser ganzes Privatvermögen in die Firma gesteckt, unsere Lebens- und Rentenversicherungen aufgelöst."

Mit dem Ermittlungsverfahren hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) erst 1999 begonnen. Vermögenswerte in Millionenhöhe wurden einbehalten. Davon sahen die Schönemanns bisher keinen Pfennig. Monika Schönemann empfindet nach 20 Tagen Fasten keine Hunger mehr. Geblieben ist ein anderes Gefühl: "Die Wut erhält mich aufrecht."

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