Hyatt-Überfall : Pokerräuber bekam nur 5000 Euro

Die Beute des spektakulären Überfalls auf ein Berliner Pokerturnier wurde unter den Tätern ungleich aufgeteilt. Sie sollen einem Familienclan angehören, dem kriminelle Geschäfte nachgesagt werden.

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Offene Stadt. Berlin zieht nicht nur Pokerspieler an, für die dieses Plakat am Potsdamer Platz gedacht war.
Offene Stadt. Berlin zieht nicht nur Pokerspieler an, für die dieses Plakat am Potsdamer Platz gedacht war.Foto: ddp

Es ist bislang der größte Coup von Mustafa U. Seine Beute aber gilt unter Fahndern als lächerlich gering. Der vorbestrafte 20-Jährige hat sich für den riskanten Überfall auf das Pokerturnier am Potsdamer Platz am 6. März mit 5000 Euro abspeisen lassen. Nach Tagesspiegel-Informationen durchsuchten Ermittler in der Nacht zum Dienstag eine Garage in Friedenau, in der das Beutegeld nach dem Überfall von den derzeit inhaftierten fünf Haupttätern aufgeteilt worden sei. Der Staatsanwaltschaft zufolge sind die 242 000 Euro sehr ungleich verteilt worden. So hätten Komplizen von Mustafa U. bis zu 45 000 Euro bekommen.

Den größten Teil – vermutlich rund 100 000 Euro – soll der am Montag festgenommene 28-jährige Ibrahim El M. eingesteckt haben. Er gilt als Drahtzieher und ist der Onkel des auch beteiligten 19-jährigen Libanesen Jihad C. Vermutet wird, dass der Kopf des Quintetts von dem Geld noch einen Auftraggeber bezahlte.

„Mustafa U. hat inzwischen 4000 Euro zurückgegeben, den Rest hat er nach eigener Auskunft auf der Flucht verbraucht“, sagte Martin Steltner von der Staatsanwaltschaft. Das klingt glaubwürdig, denn der Deutschtürke war nach Istanbul geflohen. Dort hatte er – offenbar auf Rat seiner Angehörigen – über Anwälte signalisiert, sich zu stellen. Auch der 21-jährige Vedat S. hat angekündigt, seinen Teil der Beute zurückzugeben. Möglicherweise befindet sich das Geld noch in den Händen der mafiösen Großfamilie, aus deren Umfeld die Täter stammen. „Das macht Ermittlungen schwierig, in diesen Kreisen herrscht Angst vor älteren Angehörigen“, sagt ein Kenner. „Die trauen sich nicht, weitere Namen zu nennen.“

Vedat S. war nach dem Raub als erster in Berlin gefasst worden und hatte in Verhören seine Komplizen verraten. Dadurch könnte ihn wegen der Kronzeugenregelung eine mildere Strafe erwarten. Die Fahnder konnten zwar inzwischen die fünf mutmaßlichen Haupttäter fassen, im Landeskriminalamt in Tempelhof aber weiß man: Wenn die Verdächtigen jetzt nicht neue Namen nennen, wird es voraussichtlich keine weiteren Verhaftungen geben. Ein Verrat könnte für die Festgenommenen gefährlich werden. „Hinter diesen Jungs stehen Leute, die nicht nur genauso aggressiv sind wie sie selbst, sondern auch viel mehr Erfahrung haben und deshalb mehr Respekt im kriminellen Milieu genießen“, heißt es in Justizkreisen. Offen ist, welchem der zwölf bekannten Berliner Clans aus dem Nahen Osten die Pokerräuber angehören. Die Familien stammen aus dem arabisch-kurdischen Südosten der Türkei, zu ihnen sind nach dem Bürgerkrieg im Libanon aber auch palästinensische Flüchtlinge gestoßen. Ausweispapiere haben diese Familien oft vernichtet, viele geben sich als staatenlose oder libanesische Flüchtlinge aus – vor Angst, in die Türkei abgeschoben zu werden. „Letztlich sind das arme Schweine“, sagt ein Kenner der Szene. „Keine richtigen Kurden, keine richtigen Libanesen.“ Schätzungen zufolge gehören den Großfamilien in Berlin samt Umfeld rund 4000 Leute an. Verwandtschaftverhältnisse und Herkunft einzelner Mitglieder sind so undurchsichtig, dass das Landeskriminalamt vor einigen Jahren die Ermittlungsgruppe „Ident“ gegründet hatte, um Straftätern ihre türkische Staatsangehörigkeit nachweisen zu können.

Das Milieu wird seit Jahren von Fahndern beobachtet, das Einschleusen von V-Leuten ist aber schwierig. In der Regel haben in den Clans der Älteste oder von ihm eingesetzte Vertraute das letzte Wort über geplante Einbrüche, das Eintreiben von Schutzgeld oder ein Kokaingeschäft. Zwar führten gerade jüngere Männer aus den Familien oft Deals auf eigene Rechnung durch, im Zweifel aber „gibt es ein paar Hiebe vom Onkel“ und die Jungs müssen einen „pädagogischen Anteil“ an den Ranghöheren zahlen, sagt ein Experte. „Bei russischen Gangs, Ex-Jugoslawen und Rockern gibt es klare Regeln, man könnte auch Verfahrensabläufe sagen: Die streiten sich untereinander seltener, da herrscht weniger Willkür, weil klar ist, wer welche Aktion zu welchen Konditionen macht.“

Innerhalb der türkisch-kurdisch-arabischen Familien gehe es oft irrational zu, Bildungsniveau und Toleranzschwelle seien niedrig. „Deshalb hat deren Nachwuchs auch vor den eigenen Verwandten Angst, die wissen ja von sich selbst, wie schnell sie zuschlagen.“ Viele hätten weder Ausbildung noch Jobs. Am berüchtigsten in kurdisch-arabischen Kreisen ist die Familie Al Z. – bekannt durch Hochsicherheitsprozesse gegen deren „Präsidenten“. Der Familienvater, Mitte 40, saß mehrfach vor Gericht und wurde wegen Drogendeals zuletzt zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Doch der „Präsident“ hatte nicht nur Ärger mit dem Staat, sondern vor allem mit konkurrierenden Familien. Die Waffen zwischen den Clans sitzen zuweilen locker, die Nerven sind zum Reißen gespannt. Vor sieben Jahren feuerte Yassin Ali-K., damals 33 Jahre, blindlings in den Flur der elterlichen Wohnung, als Elitepolizisten die Wohnung stürmten. Einem Beamten nützte auch die kugelsichere Weste nichts, er starb wenig später an einem Halsschuss. K. hatte offenbar Todesangst, denn als Sicherheitschef einer Neuköllner Diskothek war er mit dem prügelnden Nachwuchs der Al Z.s aneinandergeraten, die ebenfalls als Türsteher lukrativer Clubs arbeiten, weil sie so kontrollieren, wer darin Geld verdient. Ein Al-Z.-Sprössling blieb durch Stiche verletzt liegen, seine Angehörigen schworen Rache. Den Al Z.s soll auch ein Mann nahestehen, den Fahnder kurz nach dem Pokerraub festgenommen hatten, ihn dann aber schnell wieder wegen eines Alibis freilassen mussten. Er hatte einen Zettel bei sich – darauf standen sechs Namen aus dem Milieu, drei davon gehörten den nun teilweise geständigen Verdächtigen. Die Ermittler fragen sich: War dieser Mann involviert – oder hatte er vom Plan der Konkurrenz erfahren und sie der Polizei verraten wollen?

Einer der Clans, mit dem die Al Z.s seit Jahren große Schwierigkeiten haben, ist die Familie Abu-C. Sie soll angeblich auch einen gut verdienenden Rapper schützen – gegen Geld, behaupten einige. Beide Gruppen sind vor allem in Kreuzberg und Schöneberg aktiv. Schutzgeld, Drogen, Einbrüche gebe es häufiger, sagen Juristen, die sich im Milieu auskennen. „Richtig harte Sachen“ – Mord und Entführung – kämen selten vor, weil dazu der „lange Atem“ fehle. Tote gebe es zwar zuweilen, aber unbeabsichtigt. Beispiel Familie O.: Auch deren Jungs mögen es spektakulär, sie sind dreist, gelegentlich gerissen, dann wieder unüberlegt bis selbstmörderisch. Zwei Mitglieder der Familie O. sollen in den spektakulären Juwelenraub im KaDeWe 2009 verwickelt gewesen sein. Ein Jahr zuvor hatte ein vorbestraftes19-jähriges Familienmitglied einen Rentner mit einem aufgemotzten BMW totgefahren – und raste einfach weiter. Wochen später prallte er mit seinem Bruder nach einem Einbruch selbst gegen einen Baum – und starb.

Die Profis im Landeskriminalamt scheinen in Sachen Pokerraub geduldig – vielleicht hoffen sie, dass sich weitere Komplizen des Quintetts durch Unachtsamkeit verraten. Informationen fließen derzeit spärlich: Erst Dienstag gaben die Ermittler zu, dass der schwarze Mercedes, anders als bisher in der Öffentlichkeit behauptet, gar nicht das Fluchtauto war. Die Täter sind nach dem Überfall am Potsdamer Platz offenbar mit einem Audi zu der Garage in Friedenau gefahren.

Die auf Familienehre gebaute Ordnung ist wacklig. „Das ist fast feudalistisch“, sagt der Kenner. „Das läuft nur durch Autorität, nicht Verlässlichkeit.“ Als 2006 das Al-Z.-Oberhaupt, der Präsident, vor Gericht saß, packte ein Mann überraschend aus: Der 37-Jährige galt als rechte Hand des Clanchefs und hatte bereits acht Jahre für den Clan hinter Gittern verbracht, ohne seinen Boss zu verraten. Doch im Gefängnis sei er von diesem „Egoisten“ und seinen Kumpanen alleingelassen worden, sagte der Zeuge wütend: „Keiner hat nach mir gefragt.“ Mustafa U. dürfte es bald ähnlich gehen.

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