Hygiene in Krankenhäusern : Piraten fordern mehr Informationen zu Klinik-Keimen

Zehn Mal infizierten sich Patienten in Berlin mit gefährlichen Bakterien. Doch Details bleiben geheim. Unklar ist auch, wie Infektionsrisiken beurteilt werden sollen.

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Keime in Krankenhäusern sind ein Problem. Besonders so gefährliche wie der hier gezeigte Erreger MRSA (Methicillinresistenter Staphylococcus). Foto: dapd
Keime in Krankenhäusern sind ein Problem. Besonders so gefährliche wie der hier gezeigte Erreger MRSA (Methicillinresistenter...Foto: dapd

Unter Verschluss gehaltene Risikodaten zu gefährlichen Infektionsfällen in Berliner Krankenhäusern sollten offengelegt werden. Das fordert die Piratenfraktion im Abgeordnetenhaus, nachdem entsprechende Vorfälle bekannt geworden sind. „Aufgeklärte Patienten können nur auf der Basis von Informationen ihre Entscheidung für oder gegen eine Klinik treffen“, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der Piraten, Simon Kowalewski dem Tagesspiegel. Auch die Grünen fordern in diesem Bereich mehr Transparenz, ohne Patienten in Panik versetzen zu wollen.

Wie berichtet, hatten sich seit Einführung der Meldepflicht im Juli 2011 Patienten in zehn Fällen in Berliner Krankenhäusern mit multiresistenten Keimen infiziert. In einem Fall war ein ähnlicher Bakterienstamm aufgetreten wie in einer Bremer Klinik. Dort hatte der Keim zum Tod dreier Frühchen geführt.

In welchen Krankenhäusern oder Klinikabteilungen die Infektionen aufgetreten waren, teilte die Gesundheitsverwaltung nicht mit. Das sei im neuen Infektionsschutzgesetz nicht vorgesehen, sagte eine Sprecherin. Infektionen mit gefährlichen Keimen müssen lediglich den Gesundheitsämtern der Bezirke gemeldet werden. Dort würden die Amtsärzte dann kontrollieren, ob Hygienestandards eingehalten werden. Anonymisierte Meldungen gehen auch ans Robert-Koch-Institut.

Die Berliner Patientenbeauftragte Karin Stötzner findet es richtig, Infektionsrisiken in einem Katalog aufzuführen, der den Vergleich von Kliniken ermöglicht. Allerdings dürfe man diese Risiken nicht isoliert betrachten, sondern müsse sie im Verbund mit anderen Qualitätskriterien angemessen einordnen. Berücksichtigt werden muss laut Stötzner zudem, ob die gefährlichen Keime von Patienten in eine Klinik eingeschleppt wurden oder tatsächlich dort ihre Quelle haben.

Klaus-Dieter Zastrow, Hygieneexperte der Vivantes-Kliniken, hält eine Aufklärung der Patienten über Infektionsrisiken für wenig hilfreich. „Keime sind überall.“ Ziel einer Transparenzinitiative müsste sein, das Hygienemanagement eines Krankenhauses zu beurteilen. Gegenwärtig sei es sinnvoller, den bezirklichen Gesundheitsämtern mehr Weisungsbefugnisse gegenüber den Krankenhäusern einzuräumen.

Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, hält die Infektionsraten einzelner Krankenhäuser nicht für aussagekräftig. Hat eine Klinik besonders viele pflegebedürftige Patienten, stünde sie automatisch schlechter da als eine Klinik mit vorwiegend jüngeren Patienten. Wichtig sei eine gute Personalausstatttung. „Wird die Zahl der OP-Schwestern von fünf auf vier reduziert, steigt das Infektionsrisiko um 20 Prozent.“ Jonitz rät den Patienten, sich zu informieren, ob die betreffende Klinik bei der Hygienekampagne „Saubere Hände“ mitmacht und ob es in den Räumen genügend Spender mit Desinfektionsmittel gibt.

Jede Klinik mit mehr als 400 Betten muss bis 2016 einen Hygienefacharzt einstellen. In kleineren Häusern reicht ein Hygienebeauftragter. In den Vivantes-Kliniken würden derzeit vier Hygienefachärzte ausgebildet, sagte Klaus-Dieter Zastrow. In jedem Klinikum gebe es mindestens eine Hygieneschwester.

Die Charité hat aus Sicht von Heiko Thomas, gesundheitspolitischer Sprecher der Grünen, ein „mustergültiges Hygienemanagement.“ Daran sollten sich andere Kliniken orientieren. Um mehr öffentlichen Druck zu erreichen, sollten laut Thomas die Abgeordneten über Infektionsfälle an Kliniken informiert werden. Außerdem sollte es jedes Jahr einen öffentlichen Bericht geben, der Vorfälle und getroffene Maßnahmen zusammenfasst. Akute Fälle müssten aber weiterhin diskret behandelt werden. „Die Leute sollen ja nicht in Panik das Krankenhaus verlassen.“

Im Gesundheitsportal von Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin können schon jetzt Vergleichsdaten zum Risiko von Wundinfektionen nach Hüftgelenk- oder Knieoperationen abgerufen werden: www.gesundheitsberater-berlin.de

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