• Hyperkinetisches Syndrom: Charité-Arzt kritisiert Kollegen: Zu viele Psychopharmaka für Kinder

Berlin : Hyperkinetisches Syndrom: Charité-Arzt kritisiert Kollegen: Zu viele Psychopharmaka für Kinder

Sabine Demm

In Berlin verschreiben Ärzte hyperaktiven Kindern zu viele Psychopharmaka. Dieser Ansicht ist der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Huss, der als Oberarzt in der Charité arbeitet. Seine neuesten, noch unveröffentlichten Forschungen belegen, dass Berlin im Vergleich zu den anderen Bundesländern den höchsten pro Kopf-Verbrauch dieser hochwirksamen Arznei hat. Über die Ergebnisse dieser Studie zum sogenannten "Zappelphilipp-Syndrom" ist nun ein Expertenstreit entbrannt. Wolfgang Droll, Vorsitzender des Berliner Verbandes der Kinder- und Jugendpsychiater, widerspricht seinem Kollegen von der Charité. Droll meint, dass es gerechtfertigt sei, das betreffende Psychopharmakum "Ritalin" zu verschreiben. Nur so könne den betroffenen Kindern geholfen werden, sich normal zu entwickeln, sagt Droll. Sonst drohe ihnen der soziale Abstieg.

Michael Huss erklärte dem Tagesspiegel, dass es in Berlin nur wenige Kollegen gebe, die sich an diese schwer zu bestimmenden Störungen herantrauen. "Von denen machen leider einige Schnellschussdiagnosen, die zu falschen Ergebnissen führen können," ärgert sich Huss. Dann würden soziale Störungen als "Hyperkinetisches Syndrom" (HKS), wie die Medizin die Überaktivität betroffener Kinder nennt, eingestuft und fälschlicherweise mit solchen Psychopharmaka behandelt. "Ich halte das für Schindluder und unethisch." Denn diese Medikamente, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, können zu schweren Nebenwirkungen führen, warnt Huss.

Großer Gewichtsverlust, Ticks, Krampfanfälle, Gefühls- und Wahrnehmungsstörungen könnten auftreten. "Ich werde dann zu diesen Notfällen gerufen, wenn ein Kind sich vor den Bus werfen will", beschreibt Oberarzt Huss. Derartiges habe er in den letzten fünf Jahren in Berlin bestimmt zehn Mal erlebt.

"Kaum Nebenwirkungen"

Kinder- und Jugendpsychiater Wolfgang Droll, zu dem auch die Bezirksämter verhaltensauffällige Kinder schicken, behauptet, das eingesetzte Psychopharmakum "Ritalin" habe kaum Nebenwirkungen. "Behandelte Kinder haben vielleicht etwas weniger Appetit und ihre Haut ist weniger durchblutet. Deshalb sehen sie blass aus."

Außerdem mache Ritalin nicht abhängig, was im Übrigen auch sein Kollege Huss bestätigt. Deshalb sehe er auch keine Gefahr von Missbrauch des Medikaments. Etwa die Hälfte der hyperaktiven Kinder benötigten Ritalin. "Das große Problem ist, dass die meisten Betroffenen aber noch gar nicht erkannt sind", erklärt Droll. Nach seinen Schätzung gibt es in Deutschland etwa eine halbe Million Kinder mit HKS. In Berlin seien es um die 25 000. Davon habe in der Hauptstadt bestenfalls die Hälfte die richtige Diagnose erhalten, deutschlandweit noch nicht einmal das.

Die Frage, welchen der Experten besorgte Eltern nun glauben schenken dürfen, versucht Karin Seeger, deren Tochter unter HKS leidet, zu beantworten. Frau Seeger hat sich vor 14 Jahren zusammen mit anderen Eltern zum "Arbeitskreis Überaktives Kind" zusammengeschlossen. Sie ist der Meinung von Doktor Huss, dass sehr wohl viele Falschdiagnosen gestellt und zu viel Psychopharmaka verabreicht werden. Dies könne zu den von Huss beschriebenen Nebenwirkungen führen. "Hyperaktive Kinder muss man in ihrer Andersartigkeit akzeptieren. Man muss sie nicht mit Medikamenten ruhig stellen. Es geht auch ohne", sagt Frau Seeger.

Ihrer Ansicht nach liegt das Hauptproblem darin, dass es in Berlin zu wenig Verhaltenstherapeuten gibt, die helfen könnten. Das Gehirn des "Zappelphillip" - wie ihn der Volksmund nennt - kann seine Gedanken nicht richtig steuern. Deshalb muss er sofort das machen, was ihm durch den Kopf schießt. Er kann sich Wünsche, zum Beispiel dem Mitschüler etwas zu erzählen, nicht für später merken. Er steht während des Unterrichts auf und geht hin. Sie rät verunsicherten Eltern, sich an den Arbeitskreis Überaktives Kind zu wenden. "Wir können Lebenstipps geben, helfen bei der Suche nach Therapiemöglichkeiten und geben Literaturhinweise."

Kritik der Grünen

Auch Elfi Jantzen von der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus glaubt, dass hyperaktive Kinder zu viel Psychopharmaka und zu wenig gute Therapie bekommen. Diese Sorge hätten betroffene Eltern ihr gegenüber immer wieder geäußert. Die Grünen-Politikerin stellte diesbezüglich bei der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Frauen eine kleine Anfrage. Der zuständige Staatssekretär der Behörde holte dann den Expertenrat des Jugendpsychiaters Michael Huss von der Charité ein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben