Hyperthermie : Die heilende Wärme

Hyperthermie hilft nachweislich gegen bestimmte Krebsformen. Noch ist sie keine Standardbehandlung, aber das könnte sich bald ändern. Ein Expertengespräch.

Hyperthermie wirkt nachweislich auch bei Brustkrebs - hier eine Mammographie.
Hyperthermie wirkt nachweislich auch bei Brustkrebs - hier eine Mammographie.Foto: picture alliance / dpa

In der Tumor-Behandlung kann eine wärmebasierte Methode namens Hyperthermie eingesetzt werden. Sie ist noch kein Standardverfahren, Experten sehen sie aber als mögliche vierte Säule der Krebsbehandlung neben Operation, Bestrahlung und Chemotherapie. Eines der Spezialzentren, die Hyperthermie durchführen, befindet sich an der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie der Charité. Hier wird die Methode seit 1988 erforscht und in der Praxis angewandt. Der Koordinator des Zentrums, Privatdozent Pirus Ghadjar, erklärt, was Hyperthermie bewirken kann.

Herr Ghadjar, was geschieht bei einer Hyperthermie-Behandlung?

Kurz gesagt, wird das Tumorgewebe für eine festgelegte Zeit von meist einer Stunde auf 40 bis 44 Grad erwärmt.

Dabei existieren verschiedene Methoden. Sie nutzen die regionale Tiefenhyperthermie, die zu den am besten erprobten zählt. Wie funktioniert sie?

Der Patient liegt in einer ringförmigen Apparatur, die mit Antennen ausgestattet ist. Über sie wird der Tumor mit elektromagnetischen Wellen bestrahlt, wodurch das Gewebe sich von innen heraus erhitzt. Dank Temperatursensoren, die in naheliegende Körperöffnungen eingeführt oder direkt ins Gewebe eingesetzt werden, kann die Temperatur exakt gesteuert werden.

Durch die Erwärmung werden Prozesse angeregt, die bei der Tumorbekämpfung helfen. Welche sind das?

Sie fördert zum Beispiel die Bildung von Hitzeschockproteinen. Das sind Eiweißstoffe, die die Killerzellen des Immunsystems anregen, den Tumor anzugreifen und seine Zellen abzutöten. Außerdem verstärkt sie die Durchblutung und Sauerstoffversorgung des Tumors. In Folge dessen werden Chemotherapeutika besser verteilt und aufgenommen und das Gewebe wird empfindlicher für die krebsabtötende Wirkung ionisierender Strahlen. Darüber hinaus sind Krebszellen auch vergleichsweise hitzeempfindlich: Ab einer Temperatur von 40 Grad können sie Schäden, die durch die Behandlungen entstehen, nicht mehr wie sonst reparieren.

Ist es möglich, Tumore allein durch Hyperthermie effektiv zu behandeln?

Dem derzeitigen Wissensstand nach nicht. Das liegt auch daran, dass man bisher keine Möglichkeit kennt, Tumorgewebe vollkommen gleichmäßig zu erwärmen. Wir wenden Hyperthermie daher nur in Kombination mit Strahlen- oder Chemotherapie an.

Welche Vorteile kann es bringen, die Standard-Tumortherapie mit Hyperthermie zu kombinieren?

Es sind zum Beispiel oft bessere lokale Therapieergebnisse zu beobachten. Das heißt, dass das Tumorwachstum wirksamer gebremst wird oder der Tumor stärker schrumpft. Außerdem hat sich gezeigt, dass sich bei der Kombinationsbehandlung deutlich längere rückfallfreie Phasen ergeben können. Und dass sie sich positiv auf die Überlebensrate auswirken kann.

Pirus Ghadjar
Pirus GhadjarFoto: Charité

Kann Hyperthermie bei allen Krebserkrankungen hilfreich sein?

Bisher liegen nur für bestimmte Tumorarten fundierte Wirksamkeitsnachweise aus wissenschaftlichen Studien vor. Dazu gehören lokal fortgeschrittene Weichteilsarkome, Gebärmutterhalskarzinome, Keimzelltumore, schwarzer Hautkrebs oder Brustkrebsrückfälle in der Brustwand. Daneben gibt es weitere potentiell aussichtsreiche Anwendungsgebiete, die in klinischen Studien erforscht werden.

Wie sieht das Therapieangebot des Hyperthermie-Zentrums der Charité aus?

Wir setzen Hyperthermie im regulären Klinikbetrieb derzeit bei Weichteilsarkomen, Gebärmutterhalskarzinomen und Keimzelltumoren ein. In Studien wird sie bei Bauchspeicheldrüsen- und Blasenkarzinomen angewandt. In Kürze werden Untersuchungen zu weiteren Tumorarten wie Prostatakrebs aufgelegt. Außerdem arbeiten die Wissenschaftler der Klinik daran, die technische Durchführbarkeit der Hyperthermie-Verfahren zu verbessern. Ziel ist es, den Prozess der Erwärmung und Wärmeverteilung noch präziser steuern und kontrollieren zu können. Das könnte es ermöglichen, künftig auch Körperbereiche zu behandeln, die bisher für Hyperthermie unzugänglich waren – wie Hirntumore.

Gibt es Fälle, in denen Sie Hyperthermie besonders empfehlen würden?

Ja. Sie ist zum Beispiel von großem Wert, wenn eine Hypoxie vorliegt, also das Tumorgewebe blut- und sauerstoffunterversorgt ist, wodurch Chemo- und Strahlentherapie nur bedingt oder gar nicht wirken. Da Hyperthermie die Durchblutung und Sauerstoffversorgung verbessert und bei Temperaturen über 43 Grad in sauerstoffarmen Arealen sogar direkt zellenabtötend wirken kann, schafft sie Abhilfe. Darüber hinaus ist sie auch bei Befunden nützlich, bei denen man mit einer niedrigen Strahlendosis arbeiten muss, um das Gewebe zu schonen. Das trifft zum Beispiel auf Krebs-Rückfälle in vorbestrahlten Arealen zu.

Warum ist Hyperthermie noch keine Standardbehandlung?

Es gibt noch zu wenige Studien, um einen klaren Standard festzulegen und Hyperthermie außerhalb wissenschaftlich kontrollierter Bedingungen anzuwenden. Daran wird sich aber sicher bald etwas ändern, da weltweit intensiv geforscht wird. Eine der treibenden Kräfte ist dabei der Atzelsberger Kreis. Das ist eine internationale Vereinigung von Medizinern, Physikern und Grundlagenforschern, die sich mit Hyperthermie in der Krebstherapie befassen. Auch Wissenschaftler der Charité gehören zu ihr. Bis ein einheitlicher Behandlungsstandard vorliegt, ist Hyperthermie-Interessierten zu raten, sich nur im Rahmen universitärer Forschung und an Kompetenzzentren, wie der Charité behandeln zu lassen.

Das Gespräch führte Nicola Menke

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