ICC-Abriss : PRO & Contra

Fatina Keilani

Pro:


Jetzt überlegen wir nochmal ganz von vorn: Wie wollen wir den Messeplatz Berlin in der Welt präsentieren? Zugegeben, der Retrolook ist gerade wieder aktuell, aber das betrifft nur die äußeren Werte und ist außerdem eine Mode, die vorübergeht. Was dann bleibt, ist eine technisch überalterte Energieschleuder, die in den 30 Jahren ihrer Existenz noch nie wirtschaftlich zu betreiben war und es auch nie sein wird. Für den Steuerzahler also ein Millionengrab. Warum nicht die Notbremse treten?

Der furchtlose Vorstoß des Finanzsenators, einen Abriss zu erwägen, bietet die Chance, ein international wegweisendes Kongresszentrum zu errichten, in das Tagungsgäste auch morgen noch gerne kommen – mit klimaschonender Energie- und heutiger Konferenztechnik, ohne Asbest, mit kürzeren Wegen und ohne Barrieren. Das wäre doch was! Vielleicht gibt es dafür sogar Mittel aus einem Konjunkturpaket? Der Neubau würde jedenfalls viele Jobs schaffen, und das auf Jahre hinaus, denn wenn es läuft wie in Berlin üblich, würde es ohnehin zehn bis 15 Jahre dauern, bis das Ding endlich steht. Dann ist die eingebaute Technik schon wieder veraltet und kann erneuert werden. Mag ja sein, dass viele West-Berliner innerlich am ICC hängen; vielleicht hatten sie dort schöne Erlebnisse bei Konzerten und Tanzveranstaltungen. Das galt allerdings auch für die Ost-Berliner und den Palast der Republik. Da hat es auch niemanden gekümmert. Fatina Keilani

Contra:

Das ICC ist ein Denkmal, und ein Denkmal schleift man nicht. Das ICC ist sogar ein doppeltes Denkmal. Architektonisch steht das Kongresszentrum für die wunderbare Phase der Weltraumschiff-beeinflussten Baukunst. Nur in Science-Fiction-Filmen findet sich davon noch etwas. Heute baut man vollverglaste Stahlskelett-Kisten, deren aufregendste Eigenschaft herunterfallende Glasscheiben sind. Wie ein architektonischer Saurier grüßt das Internationale Congress Centrum aus einer Zeit hinüber, in der in West-Berlin groß und phantasievoll gegen das Vergessenwerden gebaut werden musste. Womit wir beim wirtschaftspolitischen Denkmal ICC wären. Das Kongresszentrum steht für eine vergessene Form der Wirtschaft, für die Berliner Ökonomie. Die funktionierte im Kleinen durch die Bescheidenheit derer, die – sofern es ihre Freizeitplanung erlaubte – ein wenig am Produktionskreislauf teilnehmen, etwa durch das Bedrucken steiler T-Shirts. Im Großen funktionierte die Berliner Ökonomie durch Reisen nach Bonn, zum Bundesfinanzminister, und der dort mit Berliner Charme vorgetragenen Bitte um höhere Alimentation. Vor der Geschichte ist diese Art der Ökonomie nicht schlechter oder schwächer als ein undurchschaubares System der Zockerei in großen Banken, die von den Staaten gestützt werden müssen. Also muss auch das ICC mit staatlicher Hilfe erhalten bleiben. Werner van Bebber

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