ICC : „Der Abriss ist vom Tisch“

Nach neuesten Gutachten hat das bald 30 Jahre alte ICC wieder gute Chancen für die Zukunft. Ein Neubau dagegen nicht.

Sabine Beikler,Christian van Lessen
ICC
Das ICC soll als Kongresszentrum weiterhin genutzt werden. Ein Abriss ist nicht notwendig - eine Sanierung aber sehr wohl. -Foto: ddp

Das ICC wird auch weiterhin als Kongresszentrum genutzt werden, muss allerdings in den nächsten Jahren bei laufendem Betrieb saniert und in Teilen umgebaut werden, um beispielsweise auch für mittlere Kongresse mehr Platz zu bieten. Über Einzelheiten aktueller „unabhängiger“ Gutachten, die für die Erhaltung des ICC sprächen, wollte sich am Mittwoch keine der beiden zuständigen Senatsverwaltungen – für Wirtschaft bzw. für Stadtentwicklung – äußern. Für das Internationale Congress Centrum sei „alles auf gutem Weg“ hieß es.

Die Gutachten sollen, wie berichtet, von weiteren Sachverständigen bewertet werden, dabei vor allem die Kosten für Sanierung und Umbauten überprüft werden. Sie liegen voraussichtlich deutlich unter 150 Millionen Euro, wie vor drei Jahren vom Architekturbüro gmp geschätzt. Die Prüfungen innerhalb der Behörden sollen „im wesentlichen“ Ende Januar abgeschlossen sein, im Februar wird sich der Senat damit befassen.

„Wir werden das ICC als Kongresszentrum erhalten, wenn dies das Gutachten hergibt“, sagte SPD-Landes- und Fraktionschef Michael Müller dem Tagesspiegel. Ein Neubau sei nur noch vorstellbar, wenn es ein nahtloses Nutzungskonzept gebe. „Und das sehe ich nicht“, sagte Müller. Deshalb könne man das ICC nicht aufgeben, dessen Bau immerhin eine halbe Milliarde Euro gekostet habe. „Der ICC-Abriss ist vom Tisch“, ist sich auch der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Frank Jahnke, sicher. Die SPD hatte schon seit Monaten eine behutsame Sanierung des ICC befürwortet, während die Linkspartei eher für den Abriss und einen Neubau auf dem Gelände der Deutschlandhalle war. Doch offenbar ist in dieser Frage Bewegung möglich.

Zwar sagt Stefan Liebich, wirtschaftspolitischer Sprecher der Linksfraktion, dass ein „modernes neues Kongresszentrum schon sinnvoller wäre. Aber wir sind in dieser Frage nicht verbohrt und schauen auf das Gutachten, ob eine Sanierung sinnvoll ist“. Man müsse „verantwortungsvoll“ mit dem Bauwerk als Symbol der späten 70er Jahre umgehen, sagte Fraktionschefin Carola Bluhm. Die Messe habe einen Anspruch auf ein „modernes Kongresszentrum“. Deshalb müsse man eine Lösung „ohne betriebwirtschaftlichen Wahnsinn“ finden, sagte die Linkspolitikerin. Geprüft werden sollte aber nicht nur die Abriss- oder Sanierungsvariante, sondern auch die Möglichkeit, zum Beispiel die vorhandenen Säle weiterzunutzen und einen Anbau am Parkhaus zu planen.

Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) hatte Anfang der Woche, kurz vor dem Gespräch über die neuesten ICC-Gutachten mit Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) mitgeteilt, er werde sich gegen ein tragfähiges Sanierungskonzept für das ICC nicht sträuben.Wolf hatte zuvor einen Neubau für wirtschaftlicher gehalten. Der SPD-Abgeordnete Jahnke hält es wie Linkspolitikerin Bluhm für denkbar, dass das sanierungsbedürftige Parkhaus neben dem ICC abgerissen wird, um Platz für neue Kongressräume zu schaffen. Den Abgeordneten sollen jetzt die Gutachten vorgelegt werden.

Auch die Messe Berlin erwartet schnelle Information vom Senat. Sprecher Michael Hofer sagte, noch wisse man nicht, was auf die Messe zukomme. Eine Sanierung bei laufendem Betrieb bedeute eine „gigantische logistische Herausforderung“, die nicht mit der früheren Asbestbeseitigung zu vergleichen sei, die innerhalb von Sommermonaten vor sich gegangen sei. Die Sanierung werde mehrere Jahre dauern, und die Messe müsse darauf achten, dass für sie kein Geschäftsverlust entsteht.

Im vergangenen Sommer hatte der Senat beschlossen, sich zum Kongressstandort Berlin gutachterlichen Rat einzuholen. Eine Bedarfsanalyse sollte klären, ob und wie mit dem ICC das zu erwartende Kongressgeschäft bewältigt werden kann. Danach sollte ein bauliches Konzept entwickelt werden. Nach einer europaweiten Ausschreibung bewarben sich ausschließlich deutsche Architektur- und Ingenieurbüros. Sie sollten eine Raumkonzeption für das erneuerte ICC erstellen und diese mit den Anforderungen an einen Neubau gegenüberstellen. Jeder der drei beauftragten Gutachter sollte demnach eine Sanierungs- und eine Neubauvariante vorlegen. Im Gesamtergebnis schnitt das ICC besser ab als ein geplanter Neubau. Die Kosten für einen Neubau waren vom Büro gmp auf knapp 63 Millionen Euro geschätzt worden. Der mögliche ICC-Abriss wäre vermutlich 30 Millionen Euro teuer.

Voraussichtlich in der kommenden Woche wird der Senat über das Gutachten informiert. In der darauffolgenden Woche werden dann die Fraktionen über die Zukunft des ICC beraten. Sabine Beikler/Christian van Lessen

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