Ich bin ein BERLINER (47) : "Mein Opa floh vor den Nazis"

Oren Dror, 34, kam vor 13 Jahren aus Israel nach Berlin. Die Stadt hat ihn sofort bezaubert - aber mit ihrer Vergangenheit musste er sich erst einigen. In unserer Serie "Ich bin ein Berliner" erzählt er, was ihn in die Hauptstadt gelockt hat.

von und Jana Gioia Baurmann
Ich bin ein Berliner (47)
Ich bin ein Berliner (47)

Ich komme aus Israel, in Berlin lebe ich seit 13 Jahren. Mein Großvater ist Deutscher, er musste damals vor den Nazis fliehen. Die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, war daher für mich sehr schwierig, ich hatte ein schlechtes Gewissen: Wie ist es für ihn, wenn ich nach Deutschland gehe? Ich konnte nicht mit dem Gedanken leben, dass er hier sehr schlimme Dinge erlebt hat – und dass ich dann hier lebe… Also habe ich ihn gefragt und ihm die Entscheidung überlassen, ob ich hier bleibe oder nicht. Er meinte zu mir, dass ich mir keine Sorgen machen müsse. Er freut sich, dass ich hier lebe, dass ich sein Vaterland wirklich kennenlerne und wir uns auf Deutsch unterhalten können. Ich bin der Erste aus der Familie, der seine Muttersprache jeden Tag spricht.

Mit meinem Opa telefoniere ich jede Woche, er wird bald 90 und liest immer noch den Spiegel. Berlin kennt er noch von früher. Und da er sehr modern ist und sogar ein Facebook-Profil hat, sieht er sich dort meine Berlin-Bilder von heute an. Dank des Internets weiß er, wie das Wetter ist, ob es regnet oder die Sonne scheint.

In meinem ersten Jahr in Deutschland habe ich Teller gewaschen. Ich war 21 und konnte die Sprache ja noch nicht, also bekam ich auch keinen anderen Job. Dann habe ich Zeitungen ausgetragen, die Schicht begann um ein Uhr nachts, das habe ich nur einen Monat durchgehalten, das war echt zu hart. Dann wurde ich Barkeeper. Mein Deutsch wurde besser und besser, ich hatte Kontakt zu Berlinern. Irgendwann begann ich, Brezeln zu verkaufen. Ein Freund von mir hatte das gemacht, so mit einem Korb durch die Clubs und Bars, aber er mochte das nicht. Den Job machte er drei Monate lang, dann wollte er nicht mehr – und ich übernahm seinen Brezelkorb. Von meinem letzten Geld kaufte ich mir einen 2er-Golf, um schneller von A nach B zu kommen. In Berlin wurden zu dem Zeitpunkt die Strandbars modern, da habe ich ohne Ende Brezeln verkauft. Das Geschäft lief, ich stellte Mitarbeiter ein. Bei der Love Parade hatten wir neun Stände, vom Ernst-Reuter-Platz bis zum Brandenburger Tor.

Inzwischen ist Berlin mein Zuhause, ich fühle mich hier wohl, irgendwie frei... Ich bin hier in meinem Element.

Vor 50 Jahren - am 26. Juni 1963 - hielt John F. Kennedy seine berühmte Berliner Rede. Hier erzählen 100 Berliner, was ihnen diese Worte bedeuten - und wie sie die Stadt heute erleben. Siemens unterstützt das Tagesspiegel-Projekt. Alle bisher erschienen Videos zu der Serie "Ich bin ein Berliner" finden Sie unter: www.tagesspiegel.de/berliner

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