Berlin : Ich bin ein Berliner … Ehrenbürger

Zum 50. Todestag von Ernst Reuter: Ein Plädoyer für eine doppelte Ausnahme von der Regel – für Kennedy und den legendären Bürgermeister

Michael S. Cullen

Berlin ist arm! Nichts Neues! Aber diese Bezeichnung gilt nicht nur für die Finanzen, sondern auch für die zurzeit hervorstechende Armut an Geist, Geschichtsbewusstsein und Kreativität. In Berlin: alles Mangelware. Leicht sichtbar an den Reaktionen der politischen Klasse, Ernst Reuter nicht zum Ehrenbürger zu erklären.

Man braucht nur die Kataloge und Ausstellungen für Ernst Reuter mit denen für Nikolai Bersarin zu vergleichen – für den General der Roten Armee und ersten Berliner Stadtkommandanten – , der wegen eines tödlichen Unfalls am 15. Juni 1945 Berlin nur rund 45 Tage regieren konnte, hat das Museum in Karlshorst eine sehr verdienstvolle Ausstellung im Foyer des Berliner Abgeordnetenhauses aufgebaut und ihm einen relativ üppigen Katalog gewidmet - nicht gerade die S-Klasse, aber eine darunter; für Ernst Reuter eine viel kleinere Ausstellung links und rechts der Haupttreppe des Roten Rathauses mit einem Katalog unterhalb der Smart-Klasse. Der Vergleich fällt eindeutig zugunsten Bersarins aus. Über Reuter eine unerklärlich kleinkarierte Betroffenheit und Zurückhaltung.

Neulich eröffnete der Regierende Bürgermeister die oben genannte kleine, vom Landesarchiv zusammenstellte und ausgerichtete Ausstellung im Bürgersaal des Roten Rathauses – anwesend waren Walter Momper und – seit dem 20. Mai 1998 Berliner Ehrenbürger– Edzard Reuter, Sohn des Geehrten; und gesprochen haben Bürgermeister Wowereit und Dr. Jürgen Wetzel, Direktor des Landesarchivs. Aber keiner erwähnte mit einer Silbe die Peinlichkeit, dass der Senat und die Koalition mit den Abgeordneten von Bündnis 90/Die Grünen am 28. August 2003 das Ansinnen der Berliner CDU, Reuter die Ehrenbürgerwürde zuzuerkennen mit buchhalterischen Argumenten abgelehnt haben. Zum Beispiel, dass die Ehrenbürgerwürde nur Lebenden zukommen darf.

Schnell kam der Einwurf: „Wurde nicht Bersarin nach seinem jähen Tode Ehrenbürger? Und nicht auch Marlene Dietrich?“ Man hat geantwortet: Bersarin wurde am 8. Mai 1975 vom Ost-Berliner Magistrat und der Stadtverordnetenversammlung zum Ehrenbürger ernannt - dort herrschte keine Regel, dass der Ausgezeichnete noch am Leben sein müsste; 1992 allerdings wurde Bersarin von der Gesamtberliner Regierung und dem Parlament nicht übernommen - man habe jetzt, im Jahre 2003, die Aberkennung rückgängig gemacht - eine Ausnahme.

Mit Marlene Dietrich war es anders. Vom Senat kommt der Hinweis, dass er Marlene Dietrich schon zu ihren Lebzeiten diese Ehre angetragen habe, sie habe nicht darauf reagiert, aber das Ansinnen wollte man nicht zurücknehmen. Die Entscheidung für Marlene Dietrich fiel am 16. Mai 2002, zum 10. Jahrestag der Überführung ihrer sterblichen Überreste von Paris nach Berlin-Schmargendorf.

Ehrungen wie Denkmäler sagen mehr aus über diejenigen, die die Auszeichnung vornehmen, als über die Ausgezeichneten. Insofern lernen wir aus diesen ungleichen Vorgängen, wie eine Gesellschaft durch ihre Vertretung Persönlichkeiten betrachtet und wertet: natürlich gab es in der alten Liste Hitler, Göring und Goebbels, natürlich auch Pieck, Honecker und Ulbricht - spätere Politiker und Volksvertreter haben sie aus der Liste getilgt. Aber: Man kann und muss die Liste durchkämmen, um einen zu finden, der Ernst Reuter wegen des Engagements für Berlin ebenbürtig wäre - und man wird meines Erachtens zum Ergebnis kommen müssen, dass keiner ihm das Wasser reichen kann: Egal, ob ich unbestritten verdienstvolle Persönlichkeiten wie Louise Schroeder, Jakob Kaiser, Lucius D. Clay, und Helmut Kohl nenne - Ernst Reuter sind sie nicht ebenbürtig. Eigentlich gebührt ihm eine Sonderkategorie, eine höhere Weihe.

Eben dies behaupten diejenigen, die ihm diesmal die Ehre bestreiten - für Ernst Reuter sind überall in der Stadt Ehrungen sichtbar. Gleich nach seinem Tode habe der Senat die Bezirke gebeten, ihn nicht im Klein-Kleinen zu ehren - mit unbedeutsamen Straßen und Plätzen 2. und 3. Grades.

Was ist daraus geworden? Ein Platz in Charlottenburg, das historische Knie, ist nach Ernst Reuter - sofort nach seinem Tode, am 1. Oktober 1953- benannt worden, aber: Dieses Verkehrsrondell verdient die Bezeichnung „Platz“ überhaupt nicht - dem Andenken von Ernst Reuter ist es völlig unangemessen, es ist im westlichen Sinne des Städtebaues überhaupt kein Platz, am wenigsten einer, an dem man verweilen möchte.

In Berlin – gerade, und leider, bei Sozialdemokraten – gibt es eine Tendenz, Fassaden für Inhalt auszugeben. Nach Willy Brandts Tode 1992 entstand eine Diskussion, wo im Straßenbild man ihn ehren könnte. Zunächst wirkte hier die Regel glücklich, dass solche Ehrungen erst fünf Jahre nach dem Tode erfolgen können – so hatte man Zeit, das Thema in Ruhe und Breite zu diskutieren.

Lange wurde die Umbenennung des „Platzes vor dem Brandenburger Tor“ in „Willy-Brandt-Platz“ vom Senat und auch einem großen Teil der Bevölkerung favorisiert – repräsentativ sei er, direkt am Brandenburger Tor (die Westseite, – die Ostseite heißt seit 1814 Pariser Platz). Einem Großen wie Willy Brandt angemessen, adäquat. Der Verfasser dieser Zeilen meldete demgegenüber Widerspruch an. Ich favorisierte es, den Platz der Republik umzubenennen.

Am Ende entschied man salomonisch: Nicht der Platz vor dem Brandenburger Tor (jetzt Platz des 18. März) und nicht der Platz der Republik wurden umbenannt, sondern: eine Straße am Bundeskanzleramt – und seit dem16. Januar 1998 trägt sie Willy Brandts Namen – und das Kanzleramt schreibt als Anschrift: „Willy-Brandt-Straße 1“.

Es liegt mir fern, die Verdienste anderer zu schmälern – nur: Jeder Vergleich zwischen Ernst Reuter und anderen auf der Ehrenbürgerliste fällt zugunsten Reuters aus.

Was wäre zu tun?

Am einfachsten: eine Ausnahme zu machen – die Ausnahmeperson Ernst Reuters verdient eine Ausnahme der Regel – auch wenn diese Regel ausgerechnet durch seine Unterschrift in Kraft gesetzt wurde.

Die nächstbeste Lösung wäre eine neue Kategorie zu finden: hervorragende Berliner, deren Verdienste nicht zu ihren Lebzeiten anerkannt wurden. Dazu würde eine andere Persönlichkeit Grund genug bieten – nämlich John F. Kennedy. Auch er entging der Liste der Ehrenbürger durch einen jähen Tod. Die Zeit ist passend: am 22. November jährt sich zum 40. Male der Tag seiner Ermordung – eine Möglichkeit, für Reuter und Kennedy Versäumtes nachzuholen.

Sollte man diese Lösungen ablehnen, verbleibt die Benennung eines hervorragenden Instituts. Das hat man mit Lilienthal und dem Flughafen Tegel gemacht – wir alle nennen ihn aber Flughafen Tegel. Für Verkehrsbauten ist es nicht glücklich – auch der Münchener Flughafen wird so genannt, und nicht nach dem Namenspatron Franz Josef Strauß. Es geht nur, wenn eine Stadt von mehr als einem Flughafen bedient wird – für New York City gibt es Kennedy-Flughafen und La Guardia-Flughafen; in Washington DC, von zwei Flughäfen bedient, heißt einer nach John Foster Dulles (International) und der andere nach Ronald Reagan.

Der Platz vor dem Roten Rathaus hat zur Zeit keinen Namen – auch hier wäre eine gute Möglichkeit, Ersatz für die Ehrenbürgerwürde für Reuter zu schaffen.

Oder aber: Man benennt eine Institution nach ihm – eine bedeutende Anstalt der höheren Bildung. Berlin hat mehrere Universitäten – die Freie Universität, die Humboldt- Universität, die Technische Universität und die Universität der Künste. Ich würde vorschlagen, dass eine Diskussion um die Frage geführt wird, die Freie Universität in Ernst-Reuter-Universität umzubenennen. Gründe gäbe es genug – zum Beispiel gibt es bereits eine Gesellschaft der Freunde, Förderer und Ehemaligen der Freien Universität, die den Namen Ernst Reuters mit berechtigtem Stolz trägt.

Versagt man Reuter diese Ehre, müsste man den alten ironischen Satz mit dem Unglück und dem Pech ausgraben: Wegen des Unglücks des zu frühen Todes kommt das Pech hinzu, dass man deswegen in Berlin nicht mehr Ehrenbürger werden kann.

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