Berlin : Ich bin ein Versager

Henning Kraudzun

Ironie ist ein Wort, das sich gerne verbiegen lässt. Am Ende weiß man dann nicht mehr genau, in welche Richtung es geht: als spöttelnde Persiflage gedacht für die anderen oder als beißender Selbstzweifel an die eigene Adresse gerichtet. Bei dem Verein, der sich als "Polenmarkt - Bund der polnischen Versager" im April des vergangenen Jahres in das Berliner Vereinsregister eintragen ließ, ist es dann im ersten Augenblick auch diese humorvolle Selbstironie, die durchblinzelt. "Anfangs war das mit den Versagern ja auch ironisch gemeint - bis wir dann merkten, dass wir tatsächlich welche sind", sagt Tomasz Sosinski, der sich im Verein um das Organisatorische kümmert.

Bis heute haben sich die meisten der zehn Mitglieder des Bundes mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen, die in den seltensten Fällen etwas mit ihrer Qualifikation zu tun hatten. "Viele im Verein sind schon vor dem Fall der Mauer nach West-Berlin gekommen und mussten sich in dem völlig anderen System neu orientieren", sagt Tomasz. Tiefschläge inbegriffen, versuchten sie dann dennoch, das Beste aus der Situation zu machen. Und fanden zueinander als Musiker, Dichter, Dramaturgen, Literaturkritiker und Lebenskünstler - "als Ballung von Leuten, die irgendetwas mit der polnischen Kultur zu tun haben", sagt Lopez Mausere, der Dramaturg. Zuerst als lockere Gruppe, jetzt in festeren Strukturen.

Als Vordenker des Vereins mögen die Literaturbeflissenen unter ihnen gelten, die vor fünf Jahren eine eigene Zeitschrift gründeten: "Kolano" - das Knie. Seit Jahren versuchen Leszek Oswiecimski und der befreundete Piotr Mordel in jenem "halbliterarischen und unkultivierten" Vereinsblatt, das "versagerische Schaffen" in die neoliberale Welt einzuschleusen. Gedichte in Polnisch und Deutsch, Kritikertexte und skurrile Grafiken fordern auf den gedruckten Seiten, Versager mit Nachsicht zu behandeln. Anfänglich brachte man "Kolano" im Monatstakt heraus, dann erschien das Blatt mangels Geld unregelmäßig. Heute finanzieren die Autoren das Blatt selbst.

Leszek war auch derjenige, der sich begrifflich auf die Spur des Versagens machte und dem Bund eine inhaltliche Form gab. "Das mit dem Versagen ist zwar ein semantisches Spiel, es bringt aber auch Wahrheiten hervor", sagt er. Wenn man es ins Polnische übersetzte, käme das Wort "Nieudacznik" heraus; jedoch sei dies ein Wort, das erst nach dem Ende des Sozialismus in den polnischen Medien auftauchte. Politiker würden jetzt so genannt, gesellschaftliche Absteiger - alle, die den Erfolgsdruck nicht aushielten. Und die "polnischen Versager" wollen genau den Weg abseits des Turbokapitalismus beschreiben, wollen sich ihre Zweifel erhalten, sensibel und scheu sein. Ihre Wortspielereien zeigen weniger Dada aus dem Osten, sondern aus dem Leben.

So fragte sich das Steglitzer Kulturpublikum auf der "Deutsch-Polnischen Woche" in diesem wie schon im vergangenen Jahr, was die Truppe der "Versager" denn in ihrem Schmuckkästchen, der Schwartzschen Villa, veranstaltete. Mit dem "Polenmarkt" oder "Kowalski tritt Schmitt" hatten die einen ganzen Tag auf dem Kulturfestival bespielt, um dann vom Bizarren ins Intellektuelle zu gleiten. Was am Nachmittag als "Konzert nur für Hunde" begann, lief über experimentelle Filme und zweisprachige Lesungen auf ein schwermütiges Theaterstück und das eigenwillige Schlusskonzert hinaus. Den musikalischen Part im Programm bestimmte in Organisation und selber am Saxophon Adam Gusowski mit, der sich auch im Verein um die Musikveranstaltungen kümmert. In Steglitz war jedoch das Interesse der Hunde gering: Nur einer erschien zum Konzert. "Sie hätten es aber verdient, da sie nie über kulturelle Aktivitäten informiert werden", erklärt Adam. Chance verpasst.

Versagt hat man dennoch nicht. Die beiden Festivals waren ein Erfolg. "Obwohl wir vieles improvisiert haben, schienen die Verantwortlichen im Steglitzer Kulturamt immer zufrieden", sagt Tomasz. Daher habe man sich dann schon Gedanken gemacht, ob der Erfolg wiederum nicht ein Versagen sei. Ein Mittelweg - das wäre wohl das Beste für den Verein. Dennoch habe man dort ein erklärtes Ziel der "Versager" wenigstens für einen Tag erreicht. Viele Landsleute fanden den Weg in die Schwartzsche Villa und spürten, dass sich da so etwas wie eine zweite Schnittstelle für polnische Kultur in Berlin - neben dem Kulturzentrum - wortgewaltig andeutete. Derzeit leben über 30 000 Menschen mit polnischem Pass in Berlin.

Diese Schnittstelle könnte in der Torstraße entstehen, in einem Laden, wo sich die "polnischen Versager" seit Sommer einquartiert haben. Im September eröffneten sie dort den eigenen Kulturort und konnten sich bis jetzt immer auf ein Programm am Wochenende einigen. So veranstalteten sie in den vergangenen Wochen Filmabende, Lesungen und Vorträge in Räumen, deren Atmosphäre zwischen einem gemütlichen Lesezimmer und dem Halbfertigen einer Galerie schwankt. Es bleiben aber auch die Abende im benachbarten "Kaffee Burger", wenn eigenwillige Prosa auf polnischen Jazz im besten Sinne trifft. Zudem ist ihre satirische Sendung "Gaulloires Golana" auf SFB 4 eine feste Größe im Programm. Und im Laden soll bald mehr passieren, wenn Adam, Tomasz, Lopez, Piotr und die anderen mal auf einen Nenner kämen. Denn ihre wöchentlichen Treffen sind Krisensitzungen: Eine horrende Miete drückt; auf Veranstaltungen können sich die Mitglieder erst nach zähen Diskussionen einigen; zudem lahmt die Organisation des Vereins. "Aber auch wenn wir uns immer streiten, einigt uns dennoch das gemeinschaftliche Versagen", sagt Lopez. Natürlich ironisch gemeint.

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