Berlin : "Ich bin fies veranlagt"

Sie haben einen Song für Freiwillige geschrie

Freiwillig möchte Aziza A. eigentlich nur eines auf gar keinen Fall tun: früh aufstehen. Am Mittwoch präsentiert die Sängerin ihren Song für freiwillige Helfer.

Aziza A. (A. steht für Abla und heißt so viel wie "große Schwester) ist die erste in Berlin aufgewachsene Türkin, die einen Plattenvertrag bekam. 1997 veröffentlichte die heute 30-Jährige ihr erstes Album "Es ist Zeit" - eine Oriental-Hip-Hop-Platte, auf der sie sich in Deutsch und Türkisch vor allem mit dem Leben zwischen zwei Kulturen auseinandersetzt. Nachdem sie als ZDF-Moderatorin für das Magazin "Dr. Mag Love" arbeitete, unter anderem mit dem Rapper Cora E durch Deutschland tourte und im Kinofilm "Lola und Billidikid" mitspielte, hat sie nun ein Lied zum Internationalen Jahr der Freiwilligen geschrieben. Morgen tritt Aziza A. mit ihrer Band beim Fest der Freiwilligen, zu dem das Bundesfamilienministerium geladen hat, im Haus der Kulturen der Welt auf. Sie präsentiert erstmalig den Song "Gib mir ein Lächeln... Für mich - für uns - für andere".

Sie haben einen Song für Freiwillige geschrieben. Machen Sie selbst gerne Dinge freiwillig?

Wenn da ein Hintergrund dabei ist, klar.

Das heißt?

So wie jetzt: Die Agentur ist an mich herangetreten, weil sie jemanden gesucht haben, der so einen Song glaubwürdig vertreten kann. Ich wusste bislang nicht, dass sich in Deutschland 22 Millionen Menschen freiwillig engagieren, und ich war - auf gut berlinisch gesprochen - platt. Ich bin der Meinung, dass bei denen, die business machen - egal in welcher Form - das Menschliche zu kurz kommt. Man ist nur noch auf der Jagd, man will Geld verdienen. Dass sich trotz dessen so viele Menschen freiwillig für etwas aufopfern, das hat mir gefallen.

Haben Sie sich damit schon mal befasst?

Ich verarbeite viel von diesen menschlichen Dingen in meinen Songs. Ich kritisiere darin, dass vieles davon fehlt in unserer schnelllebigen Gesellschaft. So gesehen, war das Angebot wie Zucker für mich.

Sie sagen, sie widmen den Freiwilligen dieses Lied. Haben Sie sich in anderer Form schon mal freiwillig engagiert?

Immer wieder mal. Für soziale Organisationen, wenn es ums Geldsammeln geht. Vor allem, wenn mein Name einen Nutzen hat.

Nennen Sie doch mal ein Beispiel.

Beim schlimmen Erdbeben in der Türkei, da bin aufgetreten und habe Spenden gesammelt. Jetzt ist dieser Song mein Beitrag, mein Geschenk an die Freiwilligen.

Sie haben mal gesagt, dass Sie ihre Zeit auf der Sophie-Scholl-Schule in der Weise sehr geprägt hat, dass sie angefangen haben, ihren Senf zu allem dazu zu geben. Glauben Sie, dass Ihr soziales Engagement aus dieser Zeit rührt?

Ja. Ich bin sehr froh, dass ich auf dieser Schule war. Da habe ich mit anderen Schülern gelernt, keine Scheuklappen zu tragen. Schafsherden-Reaktionen - also immer nur das zu tun, was gerade angesagt ist - hat keinen Zweck. Das habe ich von dort mitgenommen. Vorher war ich ein braves Mädchen, habe dann aber auf der Schule eine Entwicklung durchgemacht.

Nun gibt es ja auch Menschen, die sich nicht kontinuierlich freiwillig engagieren, sondern gezielt auf die Straße gehen, wenn sie etwas bewegt. Wie zum Beispiel am Sonnabend die Demo gegen den NPD-Aufmarsch. Gehört das für Sie dazu?

Das ist für mich alles eins. Ob man nun für andere Leute etwas macht oder seine eigene Meinung vertritt, wenn einem etwas gegen den Strich geht. Das tun Freiwillige ja in gewisser Weise auch: sie helfen Leuten, die nicht die Möglichkeit haben, dieses oder jenes von sich aus zu tun.

Waren Sie Sonnabend auf der Straße?

Ich bin erst gestern aus Istanbul gekommen, wo ich mein neues Album herausgebracht habe. Aber sonst wäre ich garantiert auch dabei gewesen. Dennoch bin ich Musikerin und versuche natürlich, diese Dinge auch immer musikalisch zu verarbeiten. Zum Beispiel, wenn Festivals gegeben werden, dort meinen Beitrag zu leisten.

Viele Künstler sind gerade von den Terroranschlägen in den USA, aber auch seit Beginn des Afghanistan-Krieges in ihrer Arbeit beeinflusst worden. Gilt das auch für Sie?

Ich bin immer gegen den Krieg, egal wo er geführt wird. Die jüngsten Ereignisse haben nicht mein Leben verändert, aber ich ignoriere es natürlich nicht. Ich habe genug amerikanische Freunde, bei denen ich merke: Die sind platt. Allerdings sagen die nicht, alle Moslems sind scheiße.

Wie gehen Ihre Freunde in der Türkei damit um?

Das Ding ist, dass die Türkei selbst in den letzten Jahren extreme Probleme hatte: Sei es das schreckliche Erdbeben, sei es die ökonomische Krise, in der das Land steckt. Jetzt dieses auch noch. Das bedrückt die Leute natürlich. Die Krise wird immer größer - obwohl diese Menschen gar nichts dafür können.

Die Solidarität mit den Opfern, die vor allem auch viele amerikanische Künstler mit Sonderkonzerten zeigten, ist bei Ihnen kein Thema?

Nein. Nicht, weil es mir egal ist, sondern ich denke, jeder Künstler muss das für sich entscheiden. Ich bin fies veranlagt, aber ich denke, Amerika ist die Macht. Amerika hat die meiste Kohle. Ich finde es aber nicht okay, dass die Familien der Opfer politisch benutzt werden. Diesen Eindruck habe ich oft. Sie sind wie Schutzschilde für den Kampf gegen den Terrorismus. Für mich ist das zu weit weg. Deswegen möchte ich meinen Beitrag dazu nicht leisten.

Gibt es denn etwas ganz Unpolitisches, das Sie ganz und gar nicht gerne freiwillig tun?

Puuh, mal überlegen...früh aufstehen, vielleicht.

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