• "Ich dachte, er ist tot" - eine Familie nach der Katastrophe und ihr schwerer Weg zurück in den Berliner Alltag

Berlin : "Ich dachte, er ist tot" - eine Familie nach der Katastrophe und ihr schwerer Weg zurück in den Berliner Alltag

Suzan Gülfirat

"Die Wände haben so gewackelt", sagt Hülya Kurt und macht mit ihren Armen heftige Bewegungen von links nach rechts. Ihre 58-jährige Mutter sitzt neben ihr in der rustikal eingerichteten Küche in der Belziger Straße in Schöneberg und wischt sich immer wieder die Tränen ab. "Ich habe Schlimmes durchgemacht", erzählt sie. Sowohl ihr Sohn als auch ihre Tochter befanden sich zur Zeit der Erdbebenkatastrophe mit ihren Familien in unmittelbarer Nähe des Epizentrums in Gölcük. Mit dem Schulbeginn sind sie nun alle am Wochenende aus der Erdbebenregion nach Berlin zurückgekehrt, wie viele andere türkischstämmige Familien auch.

Die zehnjährige Gizem Kurt trägt noch einen dicken Verband um ihr rechtes Knie. Kaum vorstellbar, was ihre kindliche Seele erlebt hat. In dieser schrecklichen Nacht schlief sie bei Bekannten ihrer Eltern, wo eine Glasvitrine auf sie stürzte. Die Konsequenz daraus steht für sie jetzt schon fest. "Ich möchte nie wieder in die Türkei", sagt sie. Hülya Kurt und ihre Schwägerin räumten in der Küche im zweiten Stock gerade auf, nachdem sich Besuch verabschiedet hatte. Sie erzählt das, was alle berichten, die die Katastrophe überlebt haben. Sie hörte ein lautes Donnern, zeitgleich sorgte der Stromausfall für absolute Finsternis. Die Wucht des Bebens habe sie aus der Küche herausgeschleudert, aber nah draußen rennen wollten beide trotzdem nicht. Ihre achtjährige Tochter Gözde war im dritten Stock, der zweijährige Sohn Orkan noch irgendwo in der Küche. "Mein Herz schlägt immer noch höher, wenn ich ihn sehe. Ich dachte, er ist tot", sagt die Mutter.

Mit Feuerzeugen habe sie ihn mit der Schwägerin zusammen gesucht. Die Wände dienten ihr dabei als Halt, obwohl sie heftig wackelten. Als sie ihn fanden, lag er immer noch auf dem Bettchen, das ihm seine Mutter aus zwei Stühlen provisorisch errichtet hatte, und klammerte sich fest an die Stuhllehne. Er war umgeben vom Küchenschränken, die wie durch ein Wunder genau neben ihm zusammengekracht waren.

Orkan sucht in Berlin immer noch nach Halt. "Er will mein Bein gar nicht mehr loslassen", sagt der Vater Nadir Kurt. Der ehemalige Boxer war während des Bebens in Zonguldak am Schwarzen Meer im Westen. Trotz der Nachbebengefahr habe er die kurvenreiche Strecke, für die er mit seinem Wagen sonst mehr als zwei Stunden brauche, in einer Stunde hinter sich gebracht. Am Ziel angekommen, sei er bei dem Anblick der Verwüstung zusammengebrochen.

"Adapazari war von der Landkarte verschwunden. Ich dachte, meine ganze Familie ist tot", berichtet er. Menschen schrien, weil Angehörige unter den Trümmern lagen, andere versuchten, sie mit bloßen Händen zu befreien. Wieder andere liefen apathisch durch die Gegend. Später sei das Sportstadion voller Leichen gewesen. "Haare ergrauen in solchen Augenblicken", stellt Nadir Kurt fest. Im Chaos hätte keiner seiner verletzten Tochter helfen können und schlimmere Fälle hätten im Krankenhaus Vorrang gehabt. Deshalb sei er mit ihr zurück nach Zonguldak gefahren.

Auch die achtjährige Tochter Gözde möchte "nie wieder in die Türkei." Unterwegs nach Deutschland habe sie ihre Mutter immer gefragt, ob hier auch die Erde bebe. "Ich konnte nicht schreien, weil meine Zähne so fest waren", erzählt sie. Erst als das Beben vorbei war, versammelten sich alle vor der Tür des Hauses, das nicht eingestürzt sei, weil es seinerzeit erdbebensicher gebaut worden sei. Vom Glück, überlebt zu haben, redet Hülya Kurt nicht. "Wir haben überlebt", sagt sie nur. Bevor sie nach Berlin zurückflog, habe sie die Beerdigung einer Frau ebenfalls aus Berlin miterlebt. "Pass auf den Jungen auf", habe diese ihren Ehemann unter den Trümmern noch gebeten. Die Rettung sei jedoch zu spät gekommen und auch der kleine Sohn habe nicht überlebt.

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