Berlin : „Ich fand Guidos Ort furchterregend“

Der Politiker Guido Brendgens überredete den Eliasson-Schüler Leon Eixenberger, gemeinsam Kunst in die Peripherie zu bringen. Ein Gespräch über zwei grundverschiedene Arten des Machens.

Herr Brendgens, zum Ende Ihres Stipendiums bei Olafur Eliasson hin haben Sie sich für den Tagesspiegel tatsächlich erstmals selbst als Künstler betätigt ...

... zusammen mit Leon Eixenberger, einem meiner Kommilitonen. Ich hatte ein paar Ideen, aber, um ehrlich zu sein, Leon ist einfach kreativer.

Um was ging es Ihnen als Politiker, der plötzlich unter Künstlern ist und Kunst macht?

Meine Grundidee war, Kunst in die Außenbezirke der Stadt zu bringen. Der Kunst wird ja immer vorgeworfen, ein Katalysator für die Gentrifizierung zu sein, in Verbindung zu stehen mit einem elitären urbanen Lebensstil, den sich viele in Berlin nicht leisten können. Kunst beschränkt sich bisher ja tatsächlich meist auf die Innenstädte, wie zum Beispiel auf die Auguststraße mit den vielen Galerien. Der Baumarkt, der die Bühne für eines unserer Werke sein soll (siehe Titelseite und Bild links, Anm. d. Red.), liegt an der Landsberger Allee in Lichtenberg, der Ausfallstraße nach Marzahn. Dort möchte ich Kunst und Künstler hinbringen.

Herr Eixenberger, was haben Sie gedacht, als Herr Brendgens Sie zum ersten Mal mit an den Ort genommen hat, wo er mit Ihnen gemeinsam ein Kunstwerk installieren will?

Ich fand den Ort furchterregend, als Guido ihn mir zeigte: eine gigantische orange Blechkiste mit riesigem Schriftzug auf dem Dach, um die herum haarsträubende Objekte angeordnet sind, Gartenhäuschen aus Kunststoff beispielsweise. Erst mal dachte ich, ich muss hier sofort weg.

Herr Brendgens, wie sind Sie auf diesen Ort gekommen?

Ich kenne mich berufsbedingt ziemlich gut aus in Berlin. Wir planen im Abgeordnetenhaus ja nicht nur am Grünen Tisch. Wir besichtigen die Orte, über deren Nutzung debattiert wird.

Ein Baumarkt in Lichtenberg war ein Fall für das Abgeordnetenhaus?

Nein. Dieses Ensemble aus Baumarkt und Ikea genehmigte der Bezirk. Aber die Abgeordnetenhausebene greift da durchaus mit rein. Im Abgeordnetenhaus wird der Stadtentwicklungsplan „Zentren“ erstellt, in dem festgelegt wird, wo es, wie es heißt, ein „zentrenrelevantes Einzelhandelssortiment“ geben darf: wo also große Supermärkte hingebaut werden dürfen.

Nun wollen Sie dort auf dem Parkplatz eine Wolke landen lassen.

Wir stellen die Wolke auf dem Parkplatz ab wie ein Auto. Ich fand die Architektur des Baumarkts so brutal, dass sie mich schon wieder gereizt hat: ein Ort, dessen Gestaltung außschließlich einem ökonomischen Programm namens Kapitalismus folgt. Ich fand, dass man auf diesen Ort am besten mit einem Objekt aus einem Material reagiert, auf das es kein Besitzrecht gibt. Eine Wolke ist das Allgemeingut schlechthin. Das Wetter ist für jeden gleich.

Ist das politische Kunst? Und sind Sie jetzt, nachdem Sie mit einem Politiker zusammengearbeitet haben, ein politischer Künstler?

Jedem Gestalten liegen Werte zugrunde, was ich bereits als politisch begreife. Ich setze mich in meinen Arbeiten nur nicht explizit mit Politik auseinander. Deshalb halte ich das Label politscher Künstler für unzutreffend. Ich hatte auch keinen persönlichen Kontakt zum politischen Betrieb, bevor ich Guido kennenlernte. Mir missfällt die ausgestellte Professionalität vieler Politiker in den Medien. Man hat das Gefühl, da ist keiner naiv, da glaubt keiner, da träumt keiner. Das ist das, was der Künstler im Gegensatz zum Politiker kann: Er ist Profi des Träumens.

Im Berliner Landesparlament gibt es keinen Abgeordneten, der von Beruf Bildender Künstler ist. Woran könnte das liegen?

Künstler haben in der Kunstszene, die wir kennen, zu wenig Zeit, um in der Politik mitzutun. Sie müssen ja zusehen, dass sie zu einer Marke werden.

Ist das so, Herr Eixenberger?

Alle Künstler, die ich kenne, arbeiten unheimlich hart. Das stimmt schon. Aber die Idee der Marke halte ich für problematisch. Der Sinn einer Marke ist ja, dass erwartbar wird, was man bekommt. Ich experimentiere mit meiner Kunst viel, schlage immer wieder andere Richtungen ein.

Die Berliner Politik gilt als besonders provinziell. Vielleicht schreckt das Künstler ab.

Berlin ist eine Weltstadt geworden, das bedeutet auch, dass die Themen, mit denen sich die Landespolitik befassen muss, alles andere als provinziell sind: Nehmen Sie nur die internationalen Kapitalanleger, die auf den Berliner Wohnungsmarkt drängen.

Wird das Abgeordnetenhaus diesen gewachsenen Ansprüchen denn auch gerecht?

Die Qualität der Debatten lässt leider mitunter weiterhin zu wünschen übrig. Da finden so Parteispielchen statt: Die Opposition wird ausbremst, etwas wird einfach von der Tagesordnung heruntergenommen, was dringend besprochen werden müsste.

Ich habe oft den Eindruck, dass diejenigen, die Entscheidungen treffen, sich nicht denen zugehörig fühlen, die von den Entscheidungen betroffen sind. Und die Entscheidungen später anzugreifen ist schwierig, weil die Machtstrukturen so undurchsichtig sind.

Herr Brendgens, sehen Sie Künstler ähnlich kritisch wie Herr Eixenberger Ihre Kollegen?

Früher dachte ich, dass sich viele Künstler einrichten in ihrer schönen Kunstwelt und darüber hinaus wenig wahrnehmen. Doch am Institut für Raumexperimente habe ich festgestellt, dass es die Studierenden häufig herauszieht in den öffentlichen Raum.

Ihre zweite gemeinsame Arbeit lassen Sie im Park auf dem Gelände des alten Ostberliner Schlachthofs stattfinden.

Die Planer des Parks haben einen befestigten Weg angelegt. Doch viele Menschen durchqueren den Park diagonal über die Wiese. Sie haben das Gras niedergetreten. Wir wollen mit einem Lichtkegel die Kreuzung des angelegten Weges und des Pfades ausleuchten. In Leipzig habe ich eine ähnliche Arbeit realisiert: Der Lichtkegel traf eine Stelle, an der Menschen aufeinander zuliefen und sich damit aufeinander bezogen. An diesem Ort wurde ein Gefühl für den Anderen in der Stadt greifbar.

Lassen Sie uns zum Schluss noch einmal über Berlin reden. Herr Eixenberger, gibt es da etwas, das Sie so richtig stört – außer natürlich die großen hässlichen Baumärkte?

Ich wohne seit anderthalb Jahren in Berlin. Ich kann mir nur noch schwer vorstellen woanders zu leben. Dennoch denke ich oft: Wie war das hier wohl vor zwanzig Jahren? Damals muss die Stadt mit ihren Brachflächen und den fehlenden Strukturen eine sehr außergewöhnliche Energie gehabt haben.

Und die ist heute gar nicht mehr vorhanden?

Das Bild von Berlin als Ort alternativer Lebensentwürfe, das in den 90ern entstanden ist, ist jetzt für das Städtemarketing etwas wert, wird im Tourismus in Geld verwandelt.

Herr Brendgens, was kann die Politik dem entgegensetzen?

Wir empfinden immer großes Unbehagen, wenn in einem Bebauungsplan das nächste Hotel vorgestellt wird. Es entstehen Monokulturen. Heute kreisen Bierbikes um das Abgeordnetenhaus. Die Touristenkultur dominiert das Zentrum. Die Stadt wird banalisiert, zum Jahrmarkt gemacht. Diese enorme Billigmobilität kann so nicht weiter wachsen, immer dieses Wachstum, Wachstum. Wir brauchen ein Entwicklungskonzept für den Tourismus.

Ein Entwicklungskonzept – sind es nicht solche Worthülsen der Politik, die zum Beispiel auf Künstler abschreckend wirken?

Auch am Institut für Raumexperimente gibt es Worte, die immer wieder benutzt werden: das Attribut poetisch zum Beispiel. Das ist immer als Lob gemeint, oder?

Ja, ich denke schon. Man sollte die Worte mal gegeneinanderstellen: die Terminologie des politischen Betriebs und die des Institutes für Raumexperimente. Das könnte ein weiteres Kunstwerk sein.

Die Fragen stellte Barbara Nolte

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